Select Your Style

Choose your layout

Color scheme

Studie abgebrochen – Wadenschmerzen noch vorhanden

Die Waden schmerzen, oftmals Nachts. Dann ist die Vermutung, die Wadenkrämpfe können auf einem Magnesiummangel beruhen, nicht weit. Allerdings ist diese Annahme weit gefehlt.

Bereits 1995 wurde untersucht, wie sich Magnesium bei schwangeren Frauen auf Wadenkrämpfe verhält. Zwar konnte hier in einer ersten Studie gezeigt werden, dass die Wadenkrämpfe signifikant zurückgehen, allerdings konnte dieses Ergebnis von keiner weiteren, sich anschliessenden Studie, belegt werden. In dieser ersten Studie waren allerdings auch nur 73 schwangere Frauen eingeschlossen worden.

Zwischenzeitlich gibt es zig weitere Studien, die den Nutzen von Magnesium auf Wadenkrämpfe, nicht belegen konnten. Darunter u.a. auch eine Studie mit älteren Teilnehmern, die doch recht häufig unter Wadenkrämpfen leiden (MARTINEAU, A.R. et al.: BMJ 2017; 356: i6583 (17 Seiten)).

Derzeit gibt es eine aktuelle Studie, die von einem der Hersteller von Magnesiumprodukten (Sandoz) gesponsort wurde. In die Studie wurden 94 Patienten, die im Mittel 65 Jahre alt waren und mindestens 4 nächtliche Wadenkrämpfe binnen einer 2 Wochenfrist hatten, eingeschlossen. Nicht daran teilnehmen durften schwangere Frauen, eine deutlich eingeschränkte Nierenfunktion (Magnesium wird über die Nieren ausgeschieden), Personen mit schweren neurologischen Erkrankungen wie bsp. Multipler Sklerose.

Jetzt sollte man davon ausgehen, dass die Studienpopulation optimal zusammengesetzt ist, die Patienten wohl ausgesucht wurden und der Hersteller von seinem Produkt und der Wirksamkeit auf nächtliche Wadenkrämpfe überzeugt ist. Wieso sonst sollte er eine entsprechende Studie finanziell unterstützen?

Bekannt wurde, dass die Studie bereits nach der Hälfte der angestrebten Teilnehmerzahl wegen nachgewiesender Nutzlosigkeit abgebrochen wurde. Zwar sank die Anzahl der Teilnehmer, die Wadenkrämpfe hatten unter der Einnahme von Magnesium, jedoch sank die Anazhl der Teilnehmer, die Wadenkrämpfe hatten unter der Einnahme eines Plazebos deutlich stärker. Ein Unterschied hinsichtlich der subjektiven Krampfstärke konnte zwischen dem magnesiumhaltigen Produkt und dem Plazebo nicht nachgewiesen werden.

Wieso haben Sie jedoch möglicherweise noch gestern bei Ihrem letzten Apothekenbesuch magnesiumhaltige Präparate gesehen oder entsprechende Werbung? Diese Antwort ist ganz einfach. Pro Jahr werden mehr als 40 Millionen Packungen mit magnesiumhaltigen Präparaten in Deutschland verkauft. Wenn davon auszugehen ist, dass jede Packung einen durchschnittlichen Verkaufwert von 9,00 EUR hat (was eher niedrig angesetzt ist), so ergeben sich für die Hersteller in Deutschland Umsätze in Höhe von etwa 360 Millionen EUR. Wären Sie Hersteller, würden Sie auf einen Umsatz von 360 Millionen EUR verzichten, nur weil etwas nicht den gewünschten Nutzen erbringt, wenn die Herstellkosten pro Tablette im Centbereich liegen?

Nachlesbar ist die Studie unter doi:10.1001/jamainternmed.2016.9261