Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Das wissen wir nicht und die Studie, auf die sich die Überschrift bezieht, kann das auch nicht sicher sagen, da die beiden Gruppen, Influenzaerkrankte und COVID-19 Erkrankte nicht vergleichbar sind.

Heute war es mal wieder bei web.de zu lesen: “Top-News: Studie: COVID-19 dreimal so tödlich wie Grippe“. Kann man so schreiben, wenn man sich dem allgemeinen Tenor der reinen Angstverbreitung anschliessen möchte. Dann sucht man sich aus der Arbeit auch genau nur das raus, was man haben möchte. 

Ich habe mir mal die Arbeit gemacht, den Originalartikel zu lesen. Falls Sie die Arbeit interessiert, Sie aber der Englischen Sprache nicht so mächtig sind, dann kann ich Ihnen deepl.com als hervorragende Übersetzungmöglichkeit empfehlen.
Wenn man aufgrund der Top-News bei web.de recherchiert, fällt als erstes auf, dass web.de heute am Freitag, 18.12., schreibt, dass die Forscher ihre Ergebnisse am Freitag in der Fachzeitschrift “The Lancet Respiratory Medicine” veröffentlicht haben. Wenn man sich die Veröffentlichungen am Freitag, 11.12., in der Fachzeitschrift ansieht, dann findet sich dort nur eine Korrektur zu einem vorherigen Bericht.

 

 

Die entsprechende Studie “Comparison of the characteristics, morbidity, and mortality of COVID-19 and seasonal influenza: a nationwide, population-based retrospective cohort study” wurde am 18.12. veröffentlich, was ein Donnerstag war.
Ich habe zwar keine Ahnung von Journalismus, empfinde es aber,  zumindest im Rahmen des Wissenschaftsjournalismus als Armutszeugnis, wenn hier bereits der erste Fehler auftritt. Das mag nur ein kleiner Fehler sein, der die Studie nicht falsch darstellt. Kleine Ungenauigkeiten haben aber auch mit zu den derzeitigen Überlegungen beigetragen, ob das Drostenpapier zu seiner PCR-Studie im Eurosurveillance nicht zurückgezogen wird, da sie falsch ist.

Wenn man sich dann die Studie ansieht, so heisst es dort: “Patienten mit COVID-19 waren häufiger fettleibig oder übergewichtig und hatten häufiger Diabetes, Bluthochdruck und Dyslipidämie als Patienten mit Influenza, während Patienten mit Influenza häufiger an Herzinsuffizienz, chronischen Atemwegserkrankungen, Zirrhose und Mangelanämie litten.” Also eigentlich waren die beiden Gruppen überhaupt nicht vergleichbar. Im Detail unterschieden sich die Geschlechtsverteilung zwischen den Frauen, das mittlere Alter, die unter 18 Jährigen, die Sozialstruktur, die zusätzlichen Erkrankungen (Bluthochdruck, Herzinsuffizienz, chronische Niereninsuffizienz, Zirrhose, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen, Immunschwäche, Übergewicht und Adipositas) die die jeweiligen Patienten hatten,  jeweils in beiden Gruppen, signifikant. Um es kurz zu sagen, die beiden Gruppen (COVID-19 und Influenza) waren überhaupt nicht vergleichbar.
Das ist nicht verwunderlich bei einer retrospektiven Studie und es gibt viele solcher Studien in der Medizin. Fast täglich werden solche Studien irgendwo veröffentlich. Sie sind spannend, werden von den Autoren der Studie aber stets selbst mit großer Vorsicht beurteilt und regen allenfalls andere Studiengruppen dazu an, daraus eine randomisierte, doppelblind, kontrollierte, prospektive Studie zu entwickeln, was durchaus auch bei COVID-19 und Influenza möglich ist. Eine randomisierte, doppelblind, kontrollierte, prospektive Studie ist die stärkste aller Studien, da sie von Anfang an ganz klar Ein- und Ausschlußkriterien festlegt, eine ganz eindeutige Frage als Ausganssituation beschreibt, die am Ende eindeutig geklärt werden soll und die Studienteilnehmer (behandelnde Ärzte und Patienten) zum Zeitpunkt der Studie nicht wissen, in welcher Gruppe sie sind, in diesem Fall ob sie an COVID-19, Influenza oder an einer anderen Infektionserkrankung litten.

Nicht so ganz überraschend ist es dann auch, wenn die Gruppen so unterschiedlich zusammengesetzt sind, dass die Ergebnisse in der einen Gruppe (in diesem Fall in der COVID-19) Gruppe signifikant schlechter ausfallen als in der Influenza Gruppe, denn die in der Influenza Gruppe waren ja auch signifikant weniger schwer krank, heißt gar nicht mit denen der COVID-19 Gruppe zu vergleichen. Auch das ist nicht weiter schlimm und wird, gefühlt, täglich irgendwo veröffentlich in einer medizinischen Fachzeitschrift. 

Überraschend finde ich, dass die Diskussion am Ende der Veröffentlichung, die jeder medizinischen Veröffentlichung ans Ende gestellt wird, einen sehr großen Raum einnimmt. Schon das zeigt, dass die Studie diskussionswürdig ist.
Am Ende der web.de News gibt es auch gleich zwei wesentliche Einschränkungen, die die Autoren der Studie gemacht haben.

1.) Die Influenzatests seien nicht so systematisiert wie die für Corona, soll heißen, man weiß gar nicht so genau, wie viele Grippekranke in den Jahren zuvor wirklich behandelt wurden.

2.) Es wurden Zahlen aus den Grippejahren 2018 – 2020 zum Vergleich genommen. Hier weiß man überhaupt nicht so genau, wie repräsentativ diese Jahre für durchschnittliche Grippejahre sind.

Insgesamt also eine lesenswerte Studie, bei der sich sofort zig weitergehende Fragen anschliessend und interessierte Studienteams dazu aufrufen sollten, eine entsprechende Studie zu designen und durchzuführen. Mehr nicht. Keinesfalls ist es eine Top-News und keinesfalls sagt sie sicher aus, dass die COVID-19 Sterblichkeit dreimal höher wäre als die der Influenza. Dem widersprechen schon die einschlägigen Sterbezahlen (siehe hierzu gerne den Post vorher sowie weiter zurückliegende Posts).

Zusammenfassend also Journalismus bei web.de der, bezogen auf diesen Artikel, nicht im entferntesten den Ansatz der Wissenschaftlichkeit widerspiegelt.