Ausgelöst durch den Bericht “Kinderkliniken ächzen unter Krankheitswelle” auf n-tv, verkündet Lauterbach eine Revolution. Bei dieser “Revolution” handelt es sich um das Krankenhauspflegeentlastungsgesetzt (KHPflEG).
Derzeit stehen vor allem die Kinderkliniken unter einer starken Belastung, ausgelöst durch die übermäßige Infektanfälligkeit der Kindern, unter anderem gegenüber des RS-Virus. Die Vermutung liegt nahe, dass dieses KHPflEG somit speziell auf Kinderkliniken ausgelegt ist, um die derzeitige Situation sofort zu beheben.

Überraschend an dieser Stelle ist, dass es sich um ein Gesetz handelt, welches eben erst in Kraft trat und dennoch die derzeitige Situation der Überlastung der Kinderkliniken in den Griff bekommen soll. 

Welche Punkte sind im KHPflEG schlußendlich vereinbart werden? Laut dem Bericht auf n-tv sind das die folgenden Punkte:

  • 300 Mio. € sollen jeweils innerhalb der nächsten 2 Jahre in die Pädiatrien (Kinderkliniken) gesteckt werden (in dem Videobericht ist noch die Rede von 270 Mio.€)
  • es wird ein neues Abrechnungssystem für medizinische Behandlungen geben
  • stufenweise wird eine neue Personalregelung, die ab 2025 verpflichtend ist, eingeführt.

 

Auf den Seiten des Bundesgesundheitsministerium werden folgende Punkte zum KHPflEG aufgeführt:

 

1. Pflegepersonalbemessung im Krankenhaus

Die Situation der Pflege in den Krankenhäusern (nicht explizit der Kinderkliniken) soll verbessert werden. Dieses soll mit Hilfe der Personalbemessung PPR 2.0 umgesetzt werden, die 2025 verpflichtend, nach einer 2 jährigen Probephase, eingeführt wird. Die Abkürzung PPR steht für Pflegepersonalregelung und ist seit Jahrzehnten bekannt. Probeweise eingeführt wurde sie in den 1990er Jahren für die Psychiatrie und Psychosomatik. Die Kritik an dieser Art der Personalbemessung riss nie ab. Aktuell wird die PPR in der Psychiatrie und Psychosomatik nur zu 78% erfüllt, um entsprechende Fachkrankenhäuser oder Abteilungen überhaupt noch betreiben zu können, da schlicht und ergreifend Personal fehlt, was nur anfänglich durch die PPR mehr wurde. Weitere Gründe sind die einfache Missachtung der PPR in der Psychiatrie und Psychosomatik, schlicht und ergreifend aus Kostengründen durch die Klinikbetreiber und die nicht mehr zeitgemäße Personalausstattung, die anhand der aus den 1980ern stammenden Regelung inzwischen vollständig überholt ist. 

Wie soll die PPR Regelung, die schon in der Psychiatrie und Psychosomatik nur anfänglich kurzfristig geholfen hat, dann aber sehr schnell zu entsprechenden Problemen geführt hat, die Personalsituation auf den Kinderstationen in der aktuellen Lage verbessern, wenn diese überhaupt erst in frühestens 3 Jahren verpflichtend sein wird?

 

2. Krankenhaustagesbehandlung und spezielle sektorengleiche Vergütung

Hierbei geht es im Großen und Ganzen um die Ambulantisierung von stationären Krankenhausleistungen. “Bis zum 31.3.2023 sollen Krankenkassen und Krankenhäuser gemeinsam einen Katalog ambulant durchführbarer Operationen sowie eine entsprechende Vergütung festlegen”, so dass Bundesgesundheitsministerium. Dieses mag frühestens ab dem 01.04.2023 zu einer leichten Personalentspannung führen. Wie dieses jedoch die aktuelle Versorgungsnot durch fehlendes Personal in den Kinderkliniken behebt, bleibt ungeklärt und unausgesprochen.

Derzeit fehlen 5.000 Fachkräfte deutschlandweit alleine in den Kinderkliniken. Wie die Ambulantisierung von Krankenhausleistungen, auch nur annähernd hier eine nennenswerte und spürbare Personalbeschaffung oder Umlenkung von Personal hin auf die benötigen Intensivkapazitäten bewerkstelligen soll, bleibt angesichts der sehr eingeschränkten Möglichkeiten, Leistungen im Krankenhaus ambulant zu erbringen, unerklärt von den Beteiligten.

 

3. Förderung für Geburtshilfe und Pädiatrie

Geburtshilfeabteilungen sollen finanzielle Mittel nach dem Königsberger Schlüssel erhalten. In der Erklärung zu diesem Punkt heisst es auf den Seiten des Bundesgesundheitsministeriums: “Damit soll eine flächendeckende Versorgung mit Geburtshilfestandorten aufrechterhalten werden. ”
Mit diesem Punkt werden also Geburtshilfeabteilungen unterstützt. Die Versorgungssituation auf den Kinderstationen ist damit nicht angedacht. Die Kinderkliniken werden jedoch auch finanziell betrachtet und bekommen für die Versorgung von Kindern und Jugendlichen das Erlösvolumen von 2019 festgeschrieben, “weitgehend” unabhängig von den tatsächlich erbrachten Leistungen, was im nächsten Satz sofort eingeschränkt wird. Werden nämlich “weniger als 80 Prozent des Erlösvolumens von 2019 erzielt”, so erfolgt ein Abschlag.

Das Problem, dass sich hieraus ergibt ist, dass die Situation 2019 eine vollständig andere war als heute. Damals gab es keine Überlastung der pädiatrischen Abteilungen durch eine starke Infektionswelle der Atemwege.
Wenn also das Erlösvolumen von 2019 festgesetzt wird, kommt es in der aktuellen Situation zu einer massiven finanziellen Untervergütung, die primär und schnell dadurch ausgeglichen werden wird, dass am Personal Einsparungen erfolgen werden, was die aktuelle Situation wiederum massiv verschärfen wird, da es nicht an Betten sondern am Fachpersonal fehlt.
Somit stellt also auch dieser Punkt eine dramatische Fehlallokation dar.

 

Die weiteren Punkte sind: 4. Sichere Hebammenversorgung und 5. Digitale Gesundheitsversorgung. Beide Punkte haben, schon anhand der Beschreibung ersichtlich, keinerlei Kinderkliniken im Fokus, weshalb ich sie an dieser Stelle nicht weiter ausführe, sondern auf die entsprechende Seite des Bundesgesundheitsministeriums verweise, wo die Punkte weiter ausgeführt wurden.

Wie stellt das verabschiedete KHPflEG nun den von Lauterbach angepriesenen Beginn der Revolution dar? Dieses ist nicht ersichtlich, bezogen auf die derzeitige situative Entlastung in den Kinderkliniken. Dieses gesteht auch Lauterbach selbst ein und es bleibt ihm nichts anderes übrig, als Pflegekräfte aus anderen Bereichen zu bitten, dort (in den Kinderkliniken) einzuspringen. Weiterhin sollen bürokratische Hürden gesenkt werden, um Personal auf anderen Fachbereichen einzusetzen.
Einmal unabhängig davon, dass Personal, welches für, teilweise, schwer kranke Kinder nicht ausgebildet wurde, eine auch nur annähernd adäquate Versorgung eben dieser Patienten sicherstellen könnten, ist es ein “Verschiebebahnhof”, der hier als der Beginn einer Revolution angepriesen wird. Denn sobald sich auch nur minimal die Situation auf den anderen Stationen, ausgelöst wodurch auch immer, verschlechtern würde, entstünde das Problem auf eben diesen Stationen.

 

Was aber wäre nun wirklich der Beginn einer Revolution, angefangen im Bereich der Kinderversorgung?


Zuerst einmal ist sicherlich zu fragen, welche Gründe insgesamt zur katastrophalen Versorgungssituation auf den Kinderstationen geführt hat, denn die Personalsituation ist nur einer dieser Punkte.
Ein entscheidender wichtiger Punkt ist, dass nach wie vor nicht die Verhinderung von banalen Infektionskrankheiten durch gezielte Vorsorgemaßnahmen angegangen wird. Zu denken wäre hier beispielsweise an eine ausgewogene Ernährung, ausreichende Bewegung an der frischen Luft und dem Immunsystem die Gelegenheit zu geben, sich mit banalen Krankheitserregern zum Training auseinander zu setzen.  Im Gegenteil. Man versuchte zunehmend immer mehr Kinder möglichst von Infektionen fernzuhalten, indem man an anderer Stelle Maßnahmen ergriff, die im Bereich des Arbeitsschutzes hervorragend Dienste erwies, im medizinischen Beriech jedoch vollständig falsch eingesetzt und meistens hier noch nicht einmal wissenschaftlich hinsichtlich der Wirksamkeit und Effektivität untersucht wurden. Das die Schließung von Kindergärten unnötig war, wurde nicht erst durch die Studie 2022 erkannt sondern es wurde bereits vor zwei Jahren mehrfach von honorigen Experten darauf hingewiesen, jedoch entsprechend abwertend abgetan.
Man hat also einiges unternommen damit Kinder möglichst von Krankheitserregern fern gehalten werden, um hierdurch eine Trainingsmöglichkeit des Immunsystems zu unterbinden. Weiterhin zu denken ist auch an die Quarantänepflicht von Kindern, die lediglich Kontakt zu einer  Corona positiv getesteten Personen hatten, ohne überhaupt selbst erkrankt zu sein.
Durch all diese Maßnahmen ist ein Training des sich im Kindesalter ausbildenden Immunsystems sicherlich unterblieben, wodurch jetzt bei an sich banalen Viruserkrankungen die Versorgung auf den Kinderabteilungen nicht mehr gewährleistet zu sein scheint.

Ein weiterer Grund für die Überlastung der stationären Kindereinrichtungen ist darüberhinaus in der Versorgung durch niedergelassene Kinderärzte zu sehen.  Zwar weist beispielsweise die Bedarfstatistik “Allgemeine Fachärztliche Versorgung – Niederlassungsmöglichkeit für Kinder- und Jugendärzte” der KV Bayern (so wie alle anderen Bedarfstatistiken für diesen Bereich in Deutschland durch die jeweiligen KVen auch) eine ausreichende Versorgungssituation auf und nur zwei Gebiete scheinen drohend unterversorgt zu sein. Allerdings basiert die Bedarfsplanung auf dem Jahr 1992 und wird lediglich linear fortgeschrieben, ohne an aktuelle Gegebenheiten angepasst zu werden. Nicht nur hierdurch tauchen sicherlich vermehrt Eltern in den Ambulanzen der Kinderkliniken auf, um dort ihr Kind behandeln zu lassen, was dann, aufgrund mangelnder ambulanter Versorgung auch hätte ambulant versorgt werden können, dort stationär aufgenommen wird. 

Es ist ein Aspekt, wenn die kommenden zwei Jahre jedes Jahr 300 Mio.€ in die Kinderkliniken fliessen sollen. Wichtig ist jedoch, wofür konkret in diesem Bereich die Gelder fliessen. Wenn sie in die Modernisierung der Einrichtungen oder apparative Diagnostik fliessen, dann ist die derzeitige Überlastungssituation keineswegs gemeistert. Sie müssten vielmehr in die personelle Ausstattung fliesen, der Art, dass mehr Stellen geschaffen werden. Ob dieses mit Hilfe des angedachten PPR 2.0 möglich sein wird, bleibt skeptisch abzuwarten und wird sich frühestens in ein paar Jahren zeigen, womit wiederum die aktuelle Situation nicht gemildert wird.
Bleibt zu fragen, ob sich die Situation verbessern würde, wenn das Geld den derzeit dort Beschäftigten, zumindest zum Teil, zu Gute kommen würde. Der durchschnittliche Verdienst eines Gesundheits- und Kinderkrankenpflegers in Deutschland beträgt 3.545€ monatlich. Dieses ist zwar weniger als der durchschnittliche Bruttomonatsverdienst in Deutschland, der derzeitig bei 4.100€ liegt, aber bei Streiks von im Gesundheitswesen Beschäftigten geht es schon lange nicht mehr primär um eine Erhöhung der Vergütung, sondern um Punkte, die man unter Anerkennung oder Reduktion der Arbeitsbelastung zusammenfassen kann. Das reine beklatschen von Pflegekräften in einzelnen Situation ohne dauerhafte Anerkennung durch Veränderung und Erleichterung der Arbeitsbelastung bringt nicht eine zusätzliche Pflegekraft zurück an ihren ehemaligen Arbeitsplatz.
Eine wirkliche Honorierung der Leistung von Pflegekräften ist es sicherlich nicht, wenn man genau diejenigen, die sich damit am Besten auskennen und am meisten Nebenwirkungen gesehen haben und noch immer sehen, mit etwas zwangsschützt, von dem sie aufgrund der Erfahrungen mit den Nebenwirkungen und unter Hinweis auf die gänzlich fehlenden Langzeitwirkungen davon Abstand nehmen und als letzte Konsequenz sogar, vermutlich für immer, aus dem Pflegesystem aufgrund massiver Missachtung ihrer Leistungen, ausscheiden oder ausgeschieden sind. Das ist keine Achtung von Leistungen für die tägliche Arbeit, was Menschen langfristig wichtiger und erfüllender ist als monetäre Leistungen.
Die Diskussion über Schließungen von Krankenhäusern, die von Lauterbach bereits mindestens seit 2013 betrieben wird und auch ganz aktuell massiv fortgeführt wird, zeigt den Pflegekräften eigentlich auch nur auf, dass sie nicht notwendig sind, dass sie nicht wertgeschätzt werden. Es trägt sicherlich nicht dazu bei, dass man sich für einen Bereich ausbilden lässt und dort engagiert, der demnächst massiven Schließungen und damit dem Wegfall des wohnortnahes Arbeitsplatzes unterworfen ist. Gerade aber die aktuelle Situation in den Kinderkliniken zeigt, dass die pauschale Aussage über die Überzahl der deutschen Krankenhäuser nicht nur seit gerade eben erst falsch ist.


Quelle: Twitter Account Lauberbach

 

Weiß tatsächlich jeder, dass wir in Deutschland Krankenhäuser schliessen können, da sie nicht benötigt werden? Bei weitem sehen das nicht alle so und es gibt auch andere Meinungen, die sicherlich, um nicht die Fehler der vergangenen drei Jahre zu wiederholen, endlich einmal gehört werden könnten.


Quelle: Stern

 

Revolutionär wäre es, genau den Kritikern dieser Klinikschließungen Gehör für eine sachlich, fundierte Diskussion zu verschaffen.

Eine echte Revolution wäre es darüberhinaus, wenn man die, die man zwingend für die Aufrechterhaltung der Gesundheit benötigt, nicht weiterhin kapitalgesellschaftlichen, teilweise Anteilseignern getriebenen Gewinnmaximierung unterwirft und außerdem denjenigen Gehör verschafft, die vor einer diesbezüglichen Entwicklung schon immer gewarnt haben
Ebenso wäre es eine echte Revolution denjenigen, die das System tragen und ermöglichen, eine dauerhafte Anerkennung zukommen zu lassen und nicht nur situativ, wie Darstellern im Rahmen einer Theateraufführung, zu applaudieren.
Schlußendlich wäre es eine Revolution, bereits frühzeitig Gesundheitsprävention jedes Einzelnen zu ermöglichen und zu fördern, sowie die Auseinandersetzung mit in der Regel harmlosen Krankheitserregern denen zu ermöglichen, die mit aller Wahrscheinlichkeit nach hierdurch keinen Schaden erleiden und die massive Gesundheitshysterie und übertriebene Reinlichkeit zu überdenken.

Das was jetzt beschlossen wurde ist lediglich ein Weiter so der sich seit Jahren abzeichnenden Fehlverwaltung und des Missmanagements.