Die gemachte Wahrheit

Man kommt nicht mehr umhin als die vermeintlich steigenden Fallzahlen der Coronaerkrankungen und der sich langsam füllenden Intensivstationen wahrzunehmen. Bisher konnte man sich noch gut beruhigen, dass es doch gar nicht so schlimm werden würde, jetzt aber sehen wir täglich Grafiken, die uns zeigen, wie schlimm es um die gesundheitliche Situation bestellt ist.

 

 

Wenn man solche Bilder sieht, wird es einem verständlicherweise Angst und Bange. Deutschland tief rot hinsichtlich der 7-Tages Inzidenz der Coronaneuerkrankungen und nach einem anfänglichen Peak steigen die gemeldeten intensivmedizinisch behandelten COVID-19 Patienten wieder dramatisch an.
(Die erste Grafik ist von n-tv.de entnommen, die zweite von divi.de)

Was wurde hier gemacht? Es wurde eine Erkrankung zusammenhangslos dargestellt. Durch die beiden Grafiken erhalten Sie keine Zusatzinformationen und können somit ein wertmäßiges Ergebnis nicht bewerten.
Was sehen sie auf der folgenden Grafik? Eine deutliche Zunahme von irgendetwas, in diesem Fall von einer Erkrankung.

Was sagt Ihnen diese Aussage, dass sich die Erkrankung X so verändert wie dargestellt? Erst einmal sagt die Grafik nur aus, dass die Erkrankung X am Anfang kaum vorhanden war, dann massiv angestiegen ist, anschliessend wieder deutlich, auf das Ausgangsniveau, abgefallen ist und aktuell wieder deutlich ansteigt.
Das ist die wertmäßige Beschreibung des Zustanden. Eine Bewertung lässt diese Grafik keinesfalls zu. Um etwas zu bewerten, benötigen wir Referenzgrößen, weitergehende Informationen, Verhältnisse.
Wenn wir beispielsweise die Krankheit X mit anderen Erkrankungen gemeinsam darstellen, so ergibt sich möglicherweise im ersten Schritt das folgenden Bild.
Hier sehen wir das zuvor bekannte Bild, die gelbe Krankheit (Krankheit 3) scheint deutlich zuzunehmen. Es wird schon etwas klarer, aber noch nicht ganz ersichtlich, dass es sich lediglich um eine Verschiebung, aber keine echte Zunahme handelt. Wenn wir die Erkrankungen einmal stapeln und sagen, alle Erkrankungen zusammen ergeben 100% der Krankheiten, dann wird uns plötzlich etwas ganz deutlich.

Die Krankheit 3 nimmt zwar im Verlauf der Zeit deutlich zu, aber insgesamt bleibt die Anzahl der Krankheiten gleich, es findet lediglich eine Verschiebung der Krankheiten statt, eine Umklassifiktion möglicherweise. Somit kann eine Erkrankung, wenn sie wertmäßig massiv zunimmt, eine ganze Landkarte rotfärben, ohne dass das Land tatsächlich rot wird. 

Wie verhält es sich mit den Intensivbetten der ersten Grafik, die die Belegung mit COVID-19 Patienten zeigt? Sie würden mir Recht geben, wenn ich sage, diese nehmen derzeit wieder massiv zu. Hierbei handelt es sich um ein wertmäßiges Ergebnis, eine reine Beschreibung einer Zahl. Sehen wir uns diese etwas genauer an.

Kommen wir zum bewerteten Ergebnis der Darstellung, der dort abgebildeten Zahl. Die erste Frage muß lauten, worauf bezieht sich die Zahl, d.h. ist die Grundgesamtheit, die der Grafik zugrunde liegende Zahl der Intensivbetten, vergleichbar?
Hier zeigt sich, dass im Laufe der Zeit die Grundgesamtheit zugenommen hat.

 

Woran liegt das? Nun, das DIVI-Intensivregister wurde zu Beginn der Coronazeit neu erstellt. Am Anfang (20.03.) haben lediglich 317 Bereiche ihre Intensivbetten gemeldet. Am 14.04. erhöhte sich die Zahl sprunghaft auf 1.003. Am 03.08. kam es nochmal zu einem deutlichen Anstieg der meldenden Bereiche auf 1.608 über Intensivbetten.

Schon alleine deshalb, weil mehr Bereiche ihre Intensivbetten melden, muß es natürlich zu einem Anstieg der Intensivbetten mit einer Erkrankung X kommen, in diesem Fall COVID-19. Das ist nicht verwunderlich.

Nun stellt sich die Frage, wie verhält sich denn die Belegung der aufgestellten Betten im Bezug auf COVID-19 Patienten? Überall ist doch zu lesen, dass die Intensivbetten allmählich drohen überzulaufen und es nicht genügend freie Betten mehr gibt. Dieses ist, wie Sie bereits aus der Grafik über die Krankheiten oben gesehen haben, so gar nicht herleitbar. Nur weil möglicherweise mehr COVID-19 Patienten auf den Intensivstationen behandelt werden (Krankheit 3, gelbe Farbe in der Grafik oben), ist noch lange nicht gesagt, dass der Balken mit den Gesamterkrankungen größer wird. Eine Erklärung hierfür könnte sein, dass Krankheiten umklassifiziert werden. Was früher als schwere atypische Lungenentzündung auf einer Intensivstation behandelt wurde, bekommt heute nicht mehr den Stempel schwere atypische Lungenentzündung (blau) sondern den Stempel COVID-19 (gelb). Somit ist die blaue Erkrankung um 1 gesunken, gleichzeitig hat die gelbe Erkrankung um 1 zugenommen. +1 – 1 = 0. Unter dem Strich hat sich somit nichts verändert. 
Wie sieht es nun aber auf den Intensivstationen aus?

 

 

Am 16.04. waren 15.907 Intensivbetten belegt, am 03.08. waren es 20.866. Zu denselben Zeitpunkten gab es 1.003 bzw. 1.608 meldende Bereich. Das Verhältnis lag somit am 16.04. bei 15,88 und am 03.08. bei 12,99. Die Zahl der belegten Intensivbetten ist sogar noch gefallen. Dieses alles sagt aber noch immer nichts über die möglicherweise drohende Katastrophe der nicht mehr vorhandenen Intensivkapazitäten aus, weil angeblich diese nicht mehr für die COVID-19 Patienten ausreichen würden.

Deshalb abschliessend noch eine Grafik, die die Intensivbetten und die mit COVID-19 belegten Patienten aufzeigt.


 

Entspannter kann eine Intensivsituation nicht sein. Seit Mitte des Jahres und insbesondere seit dem 03.08., seit dem Zeitpunkt wo alle meldenden Bereiche an das DIVI-Register angeschlossen sind, ist die Belegung der Intensivplätze stabil schwankend um einen Erwartungswert. Aktuell zeigt sich ein leichter Anstieg der COVID-19 Belegung, was in die beginnende saisonale Zunahme von Infekten der oberen und tiefen Atemwege passt. Keinesfalls aber steigt hierdurch die Gesamtzahl der Intensivbetten, was vermutlich auf die Umetikettierung von schweren atypischen Pneumonien, die bisher intensivpflichtig waren, auf COVID-19, die ebenfalls intensivpflichtig ist, zurückzuführen ist. 

Diese News ist in leicht abgeänderter und ergänzter Fassung am 07.11. auch auf Rubikon veröffentlich worden.

Author Info

Dr. med. Matthias Keilich