Privat krankenversicherte Patienten bekommen, wenn Sie eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung benötigen, in der Regel einen DIN A6 oder maximal einen DIN A5 Ausdruck, auf dem die Arbeitsunfähigkeit durch den Arzt bescheinigt wird. Nun sind die meisten Krankenversicherten in Deutschland allerdings nicht privat sondern gesetzlich krankenversichert. Hier gab es bisher den bekannten gelben Schein, die AU.


Quelle: https://cfcdn.aerzteblatt.de/bilder/2017/05/img137106172.jpg

 

Diese AU setzte sich aus drei Teilen zusammen.
Teil 1 ist zur Vorlage bei der Krankenkasse gewesen und umfasste ein DIN A5 Blatt.
Teil 2 ist die Ausfertigung für den Arbeitgeber und umfasste eine DIN A6 Seite.
Teil 3 war für den Versicherten zur Kontrolle und eigenen Aufbewahrung und umfasste eine DIN A5 Seite.
Insgesamt wurde somit Papier der Gesamtgröße von 1.468,31 qcm ausgedruckt.

Seit dem 01.10.22 wurde nun die klassische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung abgeschafft und es wurde bei den gesetzlich Krankenversicherten auf die elektronische AU (eAU) umgestellt. 

Quelle: WikiMedia

Nicht alles, was Neu ist, ist zwangsweise auch besser.

Nunmehr ist der Teil für die Krankenkasse weggefallen, d.h. ein DIN A5 Blatt fiel weg, da die Übermittlung der Arbeitsunfähigkeit an die gesetzlichen Krankenkassen nur noch elektronisch erfolgt. Das wäre ein Anlass sich zu freuen, denn immerhin werden jährlich etwa 77 Mio. Arbeitsunfähigkeiten ausgestellt. Eine DIN A5 Seite hat die Größe von 148 x 210 mm. Somit sollte man meinen, dass Papier der Größe von insgesamt knapp 2,4 qkm wegfällt. Dieses entspräche einem Gewicht, bei einem Standard 80g/qm Papier, von 191.452,8 kg Papier (=191 Tonnen Papier), was entfallen würde.
Für 1 kg Papier benötigt man ungefähr 2,2 kg Baum. Daher würden rein theoretisch 382.905,6 kg Baum = gut 380 Tonnen Baum weniger benötigt. Dieses wiederum entspricht ungefähr 247 – 479 Bäumen, je nach Gewicht des Baumes.
In Zeiten der Umweltschutzes und der Ressourcenschonung wäre es eine Freude durch die eAU auf diese Weise zum Umweltschutz beizutragen.
Allerdings, bei der eAU fällt nur die Ausfertigung für die Krankenkasse weg und die verbliebenen zwei Teile werden nunmehr auf zwei vollen DIN A4 Blättern ausgedruckt. Hierdurch erhöht sich die verbrauchte Papiermenge von zuvor 2,4 qkm Papier auf 19,21 qkm Papier. Weiter gerechnet entspricht dieses einem jährlichen Mehrverbrauch von 1,4 Mio. kg Papier (=1.400 Tonnen Papier Mehrverbrauch). Der Mehrverbrauch an Papier liegt damit jährlich bei etwa 1.000 – 2.000 Bäumen.
Das ist doch mal ein Mehrverbrauch, der sich gewaschen hat. Auf die Berechnung der zusätzlichen Energiekosten bei der Herstellung des Papiers verzichte ich an dieser Stelle lieber.

Es bleibt diesbezüglich nur zu hoffen, dass der elektronische Abruf der AU durch den Arbeitgeber wie geplant ab 2023 kommen wird, denn dann fällt eine DIN A4 Seite weg, was eine tatsächliche Papiereinsparung bedeuten würde.
Ich bin jedoch diesbezüglich skeptisch, da ich weiß, wie lange schon an so vermeintlich einfachen Dingen wie der elektronischen Patientenakte “gebastelt” wird und wie lange die Einführung der eAU für die Krankenkasse gedauert hat und zigmal verschoben wurde. 

Kann man der eAU wenigstens etwas bürokratisches abgewinnen, dass hierdurch zumindest die Arbeitsbelastung in den Praxen reduziert wurde, denn die ist inzwischen enorm angewachsen. Dann liesse sich immerhin noch argumentieren, dass zwar die Umwelt nicht wirklich entlastet wird, aber das Personal in den Arztpraxen, wofür wieder mehr Zeit für die Patientenversorgung zur Verfügung steht. 

Das Ausstellen einer eAU dauert im Schnitt 50 Sekunden länger als die Ausstellung einer Papier-AU der klassischen Form. Das liegt nicht daran, dass man mehr Daten eingeben müßte sondern es liegt schlicht und ergreifen daran, dass man darauf warten muß, dass die eAU an die Krankenkasse übertragen wird. Und diese Zeit ist gefühlt enorm lange – wobei 50 Sekunden mehr schon enorm lange sind. Insgesamt ergibt sich durch die eAU ein jährlicher bürokratischer Mehraufwand von 1,25 Millionen Stunden, wie der Bürokratieindex für die kassenärztliche Versorgung (BIX) in einer Berechnung ergeben hat.


Quelle: Der Hausarzt

 

Selbst wenn der Papierverbrauch wieder reduziert werden sollte, der bürokratische Mehraufwand bleibt auf jeden Fall bestehen. Somit entfällt immer mehr Zeit, die anders sinnvollerweise eingesetzt werden könnte, durch die eAU die angesprochenen 1,25 Millionen Stunden jährlich.
Das Gesundheitssystem effektiver zu gestalten ist eben durchaus etwas, was man scheinbar nicht so einfach am grünen Schreibtisch wo auch immer erreicht. Dazu bedarf es dann doch des Verständnisses über Abläufe in einer Arztpraxis.