410 neue COVID-19 Todesfälle am heutigen Tag – zumindest wenn man den RKI-Zahlen Glauben schenken darf. COVID-19 wütet und es erwarten uns schreckliche Zeiten. Der Lockdown seit Anfang des Monats hat keinen Erfolg gebracht, die Neuinfektionen und die Todeszahlen steigen und steigen. Wo soll das nur hinführen? Sollten sich die dunkelsten Prognosen bewahrheiten? Ich kann Sie beruhigen. Es war ein ganz normaler, ruhiger Todestag – nichts besonderes ist passiert.

Neben meiner Praxis mache ich gelegentlich in Berlin Leichenschaudienst. Wenn ein Mensch verstorben ist, so muß ein Arzt den Tod feststellen. Hierfür gibt es in den meisten Großstädten und so auch in Berlin, einen eigenen Leichenschaudienst. Durchschnittlich sterben in Berlin jeden Tag 88 Menschen. Davon in etwa die Hälfte im Krankenhaus und die andere Hälfte eben nicht im Krankenhaus sondern zu Hause, auf der Arbeit, auf der Strasse oder wo auch immer, meistens natürlich zu Hause.
Der ambulante Leichenschaudienst, also für alle die, die nicht im Krankenhaus versterben, ist in einen Nord- und einen Südbereich in Berlin sowie in einen Tag- und einen Nachtdienst aufgeteilt. Ich hatte im Süden von Berlin im Tagdienst Leichenschaudienst heute. Heute an dem Tag, an dem fast so viele COVID-19 Fälle wie nie zuvor in Deutschland aufgetreten sind. Das muß sich doch bemerkbar machen – zumindest wenn die offiziellen Zahlen stimmen würden. Wie viele Leichen sind denn zu erwarten? Wie gesagt, durchschnittlich sterben 88 Menschen pro Tag in Berlin, davon in etwa die Hälfte im Krankenhaus und die andere Hälfte ambulant, somit also 44 Menschen ambulant. Verteilt auf den Tag- und Nachdienst also in etwa 22 im Nachtdienst und 22 im Tagdienst. Hiervon wiederum entfällt die Hälfte auf den Süden und die andere Hälfte auf den Norden. Also müssten in meinem Tagdienst im Süden 11 Verstorbene zu erwarten sein. Meistens sind es etwas weniger, da im Krankenhaus etwas mehr sterben. In der Regel kann man an einem normalen Tag so mit 9 – 10 Leichenschauen pro Dienst rechnen. Was hatte ich heute für Leichenschauen und vor allem wieviele? Ich zähle Sie ihnen gerne einmal auf:

  1. als erstes hatte ich eine 1974 geborene Verstorbene, bei der die Todesursache ungewiss war. Sie war polytoxikomanisch, d.h. sie hatte eine starke Medikamentensucht und vermutlich hat eins der eingenommenen Psychopharmaka zum Tode geführt. Auf jeden Fall war es eine ungewisse Todesursache.
  2. danach ist eine Person an einer COPD (chronische obstruktive Lungenerkrankung) gestorben.
  3. zwei Personen sind an Herzmuskelschwäche verstorben
  4. eine Person ist an einem Mundbodenkarzinom verstorben
  5. vier Personen sind an einem akuten Herzinfarkt verstorben.

Insgesamt sind also 9 Menschen in meinem Dienst verstorben. Gar nichts besonderes. Das war zu erwarten und ist eher am unteren Ende der Erwartungen. Ich hatte auch schon einmal einen Leichenschaudienst, in dem ich 16 Verstorbene hatte. Das ist einige Jahre her.

Zurück zu heute. Ist denn keiner an COVID-19 verstorben, werden Sie jetzt fragen? Es sind doch so viele an COVID-19 Tote und Neuinfizierte zu beklagen, wenn man den offiziellen Zahlen folgt. Nein, niemand ist an COVID-19 verstorben. Dennoch wird auch in meinem Dienst ein COVID-19 Verstorbener auftauchen, nämlich eine der beiden Personen, die an einer Herzmuskelschwäche gestorben ist. Diesen Fall möchte ich gerne etwas näher beschreiben.

Diese Verstorbene war ungefähr 75 Jahre alt, bei einer ungefähren Körpergröße von 165cm wog sie ungefähr 120kg. Sie hatte neben der bekannten Herzmuskelschwäche noch eine Nierenfunktionsschwäche, Bluthochdruck, erhöhte Blutfette, hatte vor einigen Jahren einen Schlaganfall gehabt sowie ein Mammakarzinom. Sie wurde von ihrer Tochter Mitte November über den Rettungsdienst ins Krankenhaus eingeliefert, weil sie sagte, es gehe ihr schlecht und sie würde wissen, dass sie sterben würde. Bei Aufnahme im Krankenhaus wurde sie negativ auf COVID-19 getestet. Im Verlauf der stationären Behandlung wurde sie dann positiv auf COVID-19 getestet, hatte sich also irgendwo im Krankenhaus mit SARS-CoV-2 “infiziert” und wurde dann vor zwei Tagen, da sie im Krankenhaus aufgrund der massiven Grunderkrankungen nichts mehr tun konnten, als austherapiert nach Hause entlassen. Heute ist sie dann verstorben, an einer der Grunderkrankungen, die sich allenfalls fraglich durch SARS-CoV-2 verschlechtert haben. Allerdings gehe ich davon aus, dass dieses nicht der Fall ist.  Auf dem Leichenschauschein habe ich angegeben, dass sie an Herzmuskelschwäche in Folge des Bluthochdrucks gestorben ist. Außerdem habe ich bei “meldepflichtigen Erkrankungen nach IfSG § 6 und 7” ein Kreuz gemacht. Somit wird nachgeforscht werden, welche meldepflichtige Infektionserkrankung vorgelegen hat und man wird auf COVID-19 stossen.

Am Montag, 06.07.2020, war in einer Pressemitteilung der Stadt Krefeld zu lesen: “Obwohl es laut Feststellung des städtischen Fachbereichs Gesundheit keinen neuen Todesfall im Zusammenhang mit Covid-19 zu verzeichnen gibt, muss die Zahl der Verstorbenen systemrelevant um einen Fall auf nun 23 heraufgesetzt werden, um die Statistik an die des Robert-Koch-Institutes anzupassen. Grund ist, dass Personen, die einmal positiv auf das Coronavirus getestet wurden und später versterben grundsätzlich in dieser Statistik aufgeführt werden.” Somit wird diese Verstorbene, völlig unabhängig woran sie gestorben ist, als COVID-19 Todesfall gezählt. So treibt man die Zahlen einer bestimmten Todesart natürlich ins Exorbitante, an einem ganz normalen Tag, an dem überhaupt nichts spektakuläres passiert ist.

Man macht einfach nur Angst, die ich inzwischen ganz deutlich in der Bevölkerung und bei meinen Patienten nicht spüren sondern sogar auch sehen kann. Aber ist das gerechtfertigt an einem ganz normalen Todestag, einem trüben Spätherbsttag Ende November?