Heinsbergstudie – gerechtfertigte Kritik?

Am 09.04. hat Prof. Hendrick Streeck, Virologe der Universitätsklinik Bonn, die sog. Heinsbergstudie veröffentlich. Hierbei handelt es sich erst einmal um eine Laienveröffentlichung im Rahmen einer Pressekonferenz. Die Ergebnisse wurden von ihm in der 2-seitigen Veröffentlichung als “Zwischenergebnisse” unter dem Punkt “Vorgehen” veröffentlicht.

Das Ziel der Studie war es, den “(…) Stand der durchgemachten und noch immer stattfindenden SARS-CoV2 Infektionen (Prozentsatz aller Infizierten) (…)” sowie den “(…) Stand der derzeitigen SARS-CoV2 Immunität (…)” zu ermitteln.

Hierzu wurde eine repräsentative Stichprobenumfrage durchgeführt. Abgestimmt wurde dieses Vorgehen mit Prof. Güllner von dem Meinungsforschungsinstitut Forsa.

Direkt nach der Pressekonferenz mit Prof. Streeck wurden kritische Stimmen laut. Einige von diesen kritischen Stimmen möchte ich in diesem Beitrag einmal aufnehmen und kommentieren.

Ein Kritikpunkt war, dass es fraglich sei, ob derzeitige SARS-CoV-2 Antikörpertests spezifisch genug seien, um die entsprechenden Antikörper nachweisen zu können. Schließlich, so der Kritikpunkt, könnten die Antikörpertest möglicherweise generelle Coronaviursinfektionen nachweisen und nicht spezifisch genug sein. In seiner Veröffentlichung hat Hr. Prof. Streeck die Spezifität der Antikörpertests mit >99% angegeben.
Einerseits werden die selben Testkits für Antikörper in Großlaboren bereits eingesetzt. Außerdem wird hier beschrieben, wann man diese Antikörpertests einsetzen kann. Genau zu diesem Zeitpunkt und für diese Fragestellung wurden die Antikörpertests in der Heinsbergstudie eingesetzt.
Andererseits schreibt das Ärzteblatt in einer Veröffentlich um am 07.04.2020: “Die Krankheit ist so selten, dass die Testspezifika noch zu unsicher sind, um zuverlässig eine Auskunft über Immunität beziehungsweise das Vorhandensein von Antikörpern geben zu können.”
Aufgrund dieser beiden Informationen stellen sich folgende Fragen:
1.) Wenn die Antikörpertest bereits von Großlaboren (aufgeführt ist hier exemplarisch nur eins von vielen) eingesetzt werden, kann es mit der Spezifität nicht so schlecht sein, als dass sie nicht eingesetzt werden könnten. Außerdem setzt das RKI selbst gerade eben genau auf dieselben Antikörpertest.
2.) Wenn es sich bei der Coronainfektion um eine “(…) so seltene (…)” Erkrankung handelt, dann sind die Maßnahmen doch vollständig übertrieben. Eine seltene Erkrankung kann niemals ein breites Massenproblem hervorrufen.

Weiterhin wird gelegentlich bemängelt, dass Prof. Streeck mit einer Mediaagentur zusammenarbeitet, zumindest wird es kritisch angemerkt.
Wieso wird dieses bei der Heinsbergstudie kritisch angemerkt und bei anderen Wissenschaftlern, die Ihre Ergebnisse oder Nachrichten veröffentlichen, nicht? “Auf einem Expertengespräch, das das deutsche Science Media Center (SMC) am Donnerstagmittag zu künftigen Teststrategien auf Sars-CoV-2 veranstaltete, sagte Drosten (…)” (Punkt “Da wird einfach so wenig erklärt, dass man nicht alles versteht”). Prof. Drosten redet als zumindest auch auf Veranstaltungen, die von Organisationen durchgeführt werden, in deren Logo “where science meets the headlines” steht. Wenn man Prof. Streeck so etwas kritisch anmerkt, dass sollte man es Prof. Drosten ebenso kritisch anmerken. Hier wurde noch nie in den letzten Wochen davon gesprochen, dass Prof. Drosten auch gerne einmal mit Mediaagenturen zusammenarbeitet.
Grundsätzlich finde ich, dass dieses nichts verwerfliches darstellt, um eine Erkenntnis schnell der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Seinen größten Kritikpunkt bekräftigte Drosten abends noch einmal im heute journal. Man müsse unterscheiden, ob es sich um Diagnosen handele oder einfach um Signale aus einem Labortest.” Dieser Kritikpunkt ist überhaupt nicht nachvollziehbar, wenn man weiß, dass Prof. Drosten mit dem Tierarzt Prof. Wieler (Präsident des RKI) tagtäglich die neuesten COVID-19 Todesfälle publiziert. Bei nicht einem dieser Todesfälle handelt es sich um Diagnosen sondern um “Signale aus” dem Leben. Bei nicht einem dieser Todesfälle ist überhaupt COVID-19 diagnostiziert worden. Bei allen Todesfällen handelt es sich um Todesfälle bei denen SARS-CoV-2 nachgewiesen wurde. Um eine COVID-19 Todesdiagnose sicher stellen zu können, hätte man alle Verstorbenen einer inneren Leichenschau unterziehen müssen. Dieses ist bisher bei noch keinem der aktuell 2.799 COVID-19 Todesfälle passiert.
Zweifel an den Todeszahlen gibt es schon viele (Tagesspiegel, MDR, ARD und Watson). Damit ist der Kritikpunkt, den Prof. Drosten äußert, möglicherweise gerechtfertigt. Allerdings sollte er es dann tunlichst bleiben lassen, tagtäglich neue COVID-19 Todesfälle so zu präsentieren, als sei klar, dass diese Personen an COVID-19 und nicht an einer Verschlimmerung ihrer Grunderkrankung aufgrund einer SARS-CoV-2 Infektion gestorben seien.

Ein weiterer Kritikpunkt kommt von dem Epidemiologen Gérard Krause hinsichtlich der 15%, die in der Heinsbergstudie bereits eine SARS-CoV-Infektion, gemessen anhand der Antikörper, hätten. Er sagt: “Man dürfe nicht jede positiv getestete Einzelperson zählen, sondern “allenfalls pro Haushalt nur eine Person nehmen””. Wenn wir von einer Prozentzahl sprechen, dass beziehen sich 100% auf alle Personen. Wenn in einer repräsentativen Untersuchung, um die es sich handelt (siehe anfängliche Einführung zu diesem Artikel – Prof. Güllner) x-Personen genommen werden, dann kann man das Ergebnis, da es sich um eine repräsentative Stichprobe handelt, auf die Gesamtbevölkerung (y-Personen) hochrechnen lassen. Das passiert in jeder medizinischen Studie. Man nimmt eine bestimmte Populationsgruppe, um z.B. zu testen, ob ein Test valide ist, ein Arzneimittel wirkt, etc.. Die so gewonnenen Ergebnisse (so sie sauber erhoben wurden und Fehler erkannt bzw. herausgerechnet wurden) werden dann als repräsentativ angesehen und es werden allgemeinverbindliche Vorgaben für alle noch zu testende, behandelnde, etc. Personen herausgegeben.

In meinen Augen sehr überraschend wurde in der Veröffentlich der Heinsberg-Studie auf fast jede dort aufgeführte Zahl eingegangen. Lediglich auf die Legalität von 0,37% wurde von keiner Seite weiter eingegangen.
Ein Erklärungsversuch meinerseits hierfür ist, dass die Letalität keinesfalls höher als die angegebenen 0,37% liegen kann. Es gibt zwei mögliche Szenarien. Szenario Nr. 1: Es werden massenhaft Tests durchgeführt in der Bevölkerung. Dadurch steigt jedoch nicht die COVID-19 Todesfallzahl (Anmerkung zu dieser Fallzahl siehe weiter oben). Sondern sie sinkt eher noch viel weiter. Szenario Nr. 2: Es werden vermehrt Obduktionen vorgenommen, bei denen maximal rauskommen kann, dass doch jeder der COVID-19 Todesfälle ein echter COVID-19 Todesfall ist und nicht an einer Verschlimmerung seiner Grunderkrankung durch SARS-CoV-2 gestorben ist. Dann bleibt die Zahl stabil bei 0,37%. Sie kann aber keinesfalls weiter steigen. Durch keine derzeit ergriffenen Möglichkeit.
Somit wird sich schlußendlich rausstellen, dass es sich um eine seltene Erkrankung handelt, an der medienwirksam Personen sterben. Aber ich wage jetzt schon die Prognose, dass wir am 31.12.2020 keine Übersterblichkeit in diesem Jahr sehen werden.

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Dr. med. Matthias Keilich