Bei web.de habe ich einen Bericht gelesen, zu dem Thema “Schlappe Abwehrkräfte? Was die Pandemie fürs Immunsystem bedeutet“. Darin wird unter anderem auch der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Prof. Carsten Watzl, zu dem Thema zitiert: “Das Immunsystem ist kein Muskel: Es bildet sich nicht zurück, wenn es nicht oder weniger gebraucht wird.” Weiterhin scheint er gesagt haben, dass das Immunsystem in den vergangenen zwei Jahren sicherlich ein Stück weit geschont worden sei, aber nicht überflüssig geworden ist. Auf jeden Fall kann ich unterstützen, dass es keineswegs überflüssig geworden ist. Schon aufgrund der, wie Prof. Watzl, angibt, unterschiedlichen Kontaktmöglichkeiten des Körpers mit Erregern.
Nicht ganz unterstützen mag ich die pauschale Aussage, dass es, weil es eben nicht überflüssig geworden ist, sich deshalb nicht zurückgebildet habe. Wenn Sie einen Arm oder ein Bein eingegipst bekommen, dann bildet sich natürlich nicht die Muskelkraft an den anderen Extremitäten zurück. Die Muskeln sind wichtig und notwendig, wie eigentlich alles im Körper, dennoch bildet sich die Muskelkraft an dem eingegipsten Arm enorm zurück und sie benötigen nach 12 Wochen Gips auf jeden Fall Physiotherapie, damit die Muskelkraft schnellst möglich wieder hergestellt wird. Ergo: Muskelkraft eines Muskels bildet sich zurück, wenn sie nicht benötigt wird.
Warum sollte das beim Immunsystem anders sein?
Es gibt eine einzigartige Studie, die sonst so eigentlich nicht gemacht werden konnte. Man wußte, dass in der damaligen DDR die Allergiezahlen im Vergleich zur BRD verschwindend gering waren und kein relevantes Krankheitsbild darstellten. Die Lebensweisen, der soziokulturelle Status, eigentlich alles war im wesentlichen vergleichbar. Nur es war deutlich dreckiger in der damaligen DDR was die Luftverschmutzung anging und die hygienischen Verhältnisse im Haushalt. Ich kann mich noch an meine Kindheit in den 70zigern erinnern. Es “stank” bei uns wie in einer öffentlichen Schwimmhalle nach Chlor. Alles mußte absolut sauber und hochrein sein. Kaum kamen wir von draussen vom Spielen, war die erste elterliche Anweisung: Hände waschen, erst dann essen.
Glücklicherweise war ich, aufgrund familiärer Verhältnisse, oft auch in der DDR. Dort hatte ich einen Großcousin in meinem Alter und eine Großcousine im Alter meiner Schwester. Man, was waren die “verdreckt”. Wasser schien ein kostbares Gut in der DDR gewesen zu sein. Kamen wir zwischendrin vom Spielen im Garten auf die Terrasse oder ins Haus, z.B. zum Kuchen essen, sahen wir aus als hätten wir den Garten ohne Schaufeln bearbeitet. So richtig störte das niemanden.
Im Verlauf der “ungewollten” Longitudinialstudie (Längsschnittstudie über einen längeren Zeitraum) konnte man dann sehr schön sehen was passierte nachdem die Wiedervereinigung eintrat. Die Zahlen der Allergieerkrankungen stieg in den neuen Bundesländern ziemlich rapide auf das Niveau der alten Bundesländer. Heute gibt es schon seit Jahrzehnten keinen signifikanten Unterschied mehr hinsichtlich der Zahlen, Häufigkeiten oder Schwere der Allergien in den einzelnen Bundesländern.

Wieso aber stiegen die Allergiezahlen in den 70ziger Jahren so dramatisch in den alten Bundesländern an und sind auch heute noch immer so hoch?
Ich vermute, weil das Immunsystem nicht ausreichend in allen seinen Facetten gefordert ist. Heute haben die Mütter an den Kinderwagen Desinfektionsfläschen hängen und Feuchttücher sind jederzeit griffbereit. Ging durch einen gesunden Kindermagen in den späten 70ziger und frühen 80ziger Jahren noch mindestens ein gutes Pfund Sand vom Spielplatz, wovon natürlich auch viel im Gesicht hängen blieb, ist davon heute nichts mehr übrig. Kinder auf den heutigen Spielplätzen sind von der Reinlichkeit von Kindern in Spielzimmern kaum noch zu unterscheiden.
Das Immunsystem in der BRD wurde in den 70ziger und 80ziger Jahren nicht mehr ausreichend gefordert, das der Kinder heute ebenso nicht mehr. Und dann kommt noch Lockdown, Abstandsregeln, permanente Händehygiene, Maskenpflicht, etc. hinzu. Natürlich verschwindet das Immunsystem deshalb nicht in Gänze. Aber gerade obere Atemwegserkrankungen treten aktuell viel gehäufter auf, als noch vor 2020 zur selben Zeit. In meinen Augen liegt das genau daran, dass es eben seine Arbeit im Bereich des oberen Atemtrakts ein Stück weit eingestellt hat, das es hier nicht mehr benötigt wurde.

Versuchen Sie einmal nach einer längerfristigen und höher dosierten Cortisontherapie diese sofort abzusetzen. Das geht ganz böse in die Hose, da die Nebennierenrinde, die normalerweise Cortison produziert, nach einer längeren Zeit in der genau das durch Tabletten ersetzt wurde, nicht einfach von heute auf morgen wieder anfängt.
Versuchen Sie einmal ß-Blocker, so sie höher dosiert waren einfach abzusetzen. Auch das geht gewaltig in die Hose. Als Nebenwirkung kommt es zu Flushs (Rötungen im Gesicht) und massiv, teilweise unangenehm ansteigenden Pulsfrequenzen und möglicherweise sogar zu Herzrhythmusstörungen. Alles Ausdrücke von Anpassungsvorgängen im Körper auf von außen einwirkende Veränderungen.

Von daher denke ich, ist es durchaus plausibel, zumindest die Maßnahmen mit dafür verantwortlich zu machen, dass Erkrankungen jetzt viel gehäufter auftreten als sie üblicherweise zu diesem Zeitpunkt auftreten.