Auch ich werde immer wieder gefragt, ob man mal den Vitamin D Spiegel (genau genommen handelt es sich um den 25-Hydroxy-Vitamin-D Spiegel im Blut) bestimmen könnte. Irgendwo hat man bestimmt mal gelesen, dass das Vitamin D für den Knochenstoffwechsel verantwortlich ist und daher wichtig. Möglicherweise hat man darüber hinaus auch noch gehört, dass es Herzinfarkte oder Krebserkrankungen vorbeugen kann und sich beim Vitamin D insgesamt um ein Wohlfühlvitamin handelt, wodurch, wenn es zu niedrig ist, man sich abgeschlagen und antriebslos fühlt.

Amerikanische Wissenschaftler haben jetzt im April 2021 eine wissenschaftliche Auswertung der zu dem Thema veröffentlichten Literatur durchgeführt. In ihrer Untersuchung ging es explizit um gesunde Menschen ohne offensichtliche Risikofaktoren für bestimmte Erkrankungen. Primär wurde nach Studien gesucht, in denen zwei Gruppen miteinander verglichen werden. Hierbei sollte sich die eine Gruppe auf ihren Vitamin D Spiegel im Blut hin untersuchen lassen, die andere nicht. Sollte der Vitamin D Spiegel bei der Gruppe, die sich den Vitamin D Spiegel überprüfen lässt, unter einem bestimmten Wert liegen, so sollte diese Gruppe entsprechende Nahrungsergänzungsmittel erhalten. Nach einer gewissen Zeitspanne sollten dann die beiden Gruppen hinsichtlich Herzinfarktrate, Krebsrate und Knochenbrüchen untersucht werden. Überraschenderweise scheint es solche Studien überhaupt nicht zu geben, denn die Wissenschaftler haben keine entsprechenden Studien gefunden. Schon alleine daraus lässt sich die Frage ableiten, was die Vitamin D Messung und eventuelle Substitution beim gesunden Menschen überhaupt bringt. 

Weil sich keine entsprechenden Screening-Studien finden liessen, haben die Wissenschaftler 27 andere Studien näher untersucht, bei denen der Nutzen von Vitamin D bei gesunden, nicht-schwangeren, Erwachsenen untersucht wurde.  Die Schwelle für einen Vitamin D Mangel wurde meistens mit 20 oder 30 ng/ml festgelegt. Für die Untersuchungen wurden die Teilnehmer meisten ins zwei Gruppen eingeteilt. Die eine Gruppe nahm entsprechende Nahrungsergänzungsmittel ein. Die andere Gruppe entweder ein Plazeboprodukt oder keine Nahrungsergänzungsmittel. Die Behandlungsdauer in den untersuchten Studien lag zwischen acht Wochen und sieben Jahren. Untersucht wurden Fragestellungen hinsichtlich der Gesamtsterblichkeit, des Risikos für Typ-2-Diabetes, Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Knochenbrüche. Es konnte kein eindeutiger Nutzen der Vitamin D Supplementation bei gesunden, nicht-schwangeren Erwachsenen auf die aufgeführten Parameter gezeigt werden. Weiterhin war es völlig unerheblich, ob ein Vitamin D Mangel unterhalt einer Schwelle von 30 ng/ml oder 20 ng/ml gesetzt wurde, es zeigten sich keine Auswirkungen auf das Ergebnis. 

Die Wissenschaftler halten es somit für wenig wahrscheinlich, dass das Leben hierdurch verlängert wird oder das Risiko an Diabetes mellitus zu erkranken oder einen Knochenbruch zu erleiden, verringert wird.
Sowohl die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) als auch das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) halten bei einer ausgewogenen Ernährung und einem ausreichenden Aufenthalt im Freien die tägliche Vitamin D Zufuhr bei gesunden, nicht schwangeren Erwachsenen ohne Risikofaktoren für bestimmte Erkrankungen für völlig ausreichend.

Sollten Vitamin D Präparate eingenommen werden, so ist darauf zu achten, dass ausreichend Calcium gleichzeitig zur Verfügung gestellt wird und die Vitamin D Präparate nicht überdosiert werden. 800 IE/Tag sind völlig ausreichend, denn anderenfalls kann es sogar dazu kommen, dass Vitamin D aus dem Knochen herausgelöst wird. Darüberhinaus sind schweren Nierenschäden und Nierensteine beschrieben, bei einer Überdosierung von Vitamin D im Rahmen von Nahrungsergänzungsmitteln. 

Die Untersuchungen haben auch (mal wieder) zu Tage gefördert, dass überhaupt nicht eindeutig geklärt ist, ab wann ein Vitamin D Mangel vorliegt. Einige Labor gehen bei einem Wert <30 ng/ml von einem Vitamin D Mangel aus. Andere Labore erst ab einem  Wert <20 ng/ml. Das RKI hält diesen Wert noch immer für ausreichend und definiert einen Mangel an Vitamin D erst unterhalb eines Wertes von 12 ng/ml.

Insgesamt zeigt sich also, dass es mal wieder keinen eindeutigen Nutzenbeleg für die zusätzliche Vitamin D Einnahme bei gesunden, nicht-schwangeren Erwachsenen gibt, womit eine Vitamin D Bestimmung im Blut, auch unter der Berücksichtigung, dass es überhaupt keine eindeutig festgelegten Grenzwert gibt, sinnlos ist.