Überall ist gerade die Rede von künstlicher Intelligenz (KI). Da kommt natürlich auch die Medizin nicht daran vorbei.

Zufällig habe ich ein Video dazu bei YouTube entdeckt, welches über 11 Minuten recht kurzweilig ist und ich es ihnen nicht vorenthalten möchte.

 

Grundsätzlich finde ich das Video recht interessant und es gibt einige Denkanstösse. Was mich allerdings ganz grundsätzlich stört, ist die Tatsache, dass mich der Moderator duzt, obwohl ich ihn nicht kenne. Davon aber einmal abgesehen, werden, zumindest am Rande, einige interessante Fragen zum Einsatz von KI in der Medizin aufgeworfen, die ich gerne auch noch einmal aufgreifen möchte.

Was passiert, wenn der Patient andere Vorstellung von seiner Behandlung hat, als die KI? Wie reagiert diese dann? Da KI niemals empathisch sein kann, würde sie hier vermutlich sehr schnell an ihre Grenzen stossen und somit ist sie eigentlich untauglich für den Einsatz direkt am Menschen. Die Situation, dass der Patient, wenn auch nur leicht, andere Vorstellungen von seiner Behandlung hat als der Arzt, ist eigentlich für jeden Arzt Tagesgeschäft. Was ist, wenn z.B. der Blutdruck, der Blutzucker einfach nicht sinken möchte, obwohl doch genau die aktuellen Therapieerkenntnisse eingesetzt werden? Oftmals scheitert es dann daran, dass der Patient nicht die notwendige Compliance aufweist, die für einen Therapieerfolg notwendig wäre. Wie würde die KI mit so einem Problem umgehen?

Wie würde KI reagieren, wenn eine Tumordiagnose dem Patienten zu erklären ist?
Wie, wenn der Patient mit einer Depression kommt?
Merkt die KI auch, wenn etwas nicht gesagt ist, einfach nur anhand der Tatsache, dass es nicht gesagt wurde oder wie sich der Patient beim Gesagten verhält?
Alles Dinge, bei denen die Empathie eine exorbitant große Rolle spielt.

Würden Sie sich von einem künstlichen Roboter behandeln lassen wollen?
Auch wenn Sie sehr technikaffin sind, dass wäre vermutlich nicht ihre Vorstellung eines Arzt-Patienten-Kontaktes. Deshalb funktionieren auch Videosprechstunden nur in einem sehr überschaubaren Einsatzbereich. Es fehlt schlicht und ergreifend die Empathie, die, bei allem technischem Fortschritt, auch in der Medizin, die Zwischenmenschlichkeit ausmacht. Gerade aber diese ist in der Medizin so viel wichtiger als z.B. bei der Bestellung eines neuen Kabelanschlusses, der Buchung eines Hotelzimmers, eines Fluges oder Bestellung einer Pizza.

Sicher, ich bin davon überzeugt, dass die KI den im Video angesprochenen Vorteil auf jeden Fall hat. Sie kann extrem große Datenmengen auswerten und auch die absoluteste Rarität schnell und präzise erkennen. Daher kann sie sicherlich eine große individuelle Unterstützung eines Arztes in der Medizin darstellen. Ersetzen wird sie den menschlichen Arzt jedoch nie, im Gegensatz zu möglicherweise anderen Berufen.

Auch in der rechtsanwaltlichen Tätigkeit wird (natürlich) über den Einsatz von KI nachgedacht. In einem, wie ich finde interessanten, Artikel von LTO (Roboter als Straf­ver­tei­diger der Zukunft?) erfährt man, dass “Strafverteidigung gilt allgemein als Aufgabe, die ohne Empathie, Kreativität und eine gewisse Lebenserfahrung” nicht erbracht werden kann.
Lebenserfahrung kann hier, wie überall, mit dem Überblicken einer großen Datenmenge gleichgesetzt werden. Je länger man in seinem Beruf tätig ist, um so erfahrener ist man, weil man entsprechende Daten u.a. durch Erfahrung überblickt. Das ist sicherlich eher dem Alter und der Berufserfahrung als anderen Faktoren zuzuschreiben. Genau hier würde die KI große Dienste erweisen können. Sie kann viele Urteile überblicken, viele Studienergebnisse, die man anderenfalls im Laufe des Lebens sammeln würde. Somit wäre auch dieses ein großer Vorteil des Einsatzes der KI.
Wie beim Arzt aber auch, ist Empathie ganz sicher ein enorm wichtiger Faktor eines Strafverteidigers, der alles über seinen Mandanten wissen sollte, um im optimal zu helfen. Nur wer Empathie empfindet, kann sich entsprechend authentisch verhalten und erlangt damit das Vertrauen des Gegenübers. Somit würde hier die KI im juristischen Einsatz auch die Grenzen ihrer Möglichkeiten stossen.
Kreativität ist in der Therapie der Medizin möglicherweise weniger hilfreich als in der Strafverteidigung. Da KI niemals kreativ sein kann, denn sie kann nur innerhalb dessen denken, was ihr programmiert wurde und sich nicht selbst etwas “Neues” ausdenken und beibringen (auch wenn das gelegentlich anders behauptet wird und der Name KI dieses vermuten lässt), ist die KI für den Einsatz im Strafrecht vermutlich wirklich nur für die in dem Artikel angesprochenen Umfang hilfreich.
Da erscheint es in der Medizin ein doch größeres Einsatzspektrum zu geben.