Wie u.a. web.de heute (18.08.) schreibt, begrüsst vermutlich nicht nur Lauterbach die Karlsruher Entscheidung zur Masern-Impfpflicht. 


Quelle: web.de

 

Das Lauterbach, der oftmals relativ unreflektiert mit Entscheidungen und Studien umzugehen scheint, dieses begrüsst, verwundert mich nicht. Von daher möchte ich gerne die Entscheidung mit etwas mehr Abstand und Objektivität versuchen für mich zu beurteilen.

Masern ist eine Virusinfektion, die dramatische Verläufe haben kann. Es handelt sich, wie richtigerweise in dem Bericht von web.de zu lesen ist, keineswegs um eine harmlose Kinderkrankheit. Insbesondere die zwar selten aber tödlich verlaufende SSPE (subakute sklerosierende Panenzephalitis), die durch eine Maserninfektion ausgelöst werden kann, endet in der Regel immer tödlich.
Richtig ist auch, dass der Masernimpfstoff sehr gut erprobt ist und bereits seit Jahrzehnten im Einsatz ist.
Seitdem die Möglichkeit der Masernimpfung gegeben ist und sich immer mehr Menschen haben gegen Masern impfen lassen, sind die Masern glücklicherweise massiv zurückgegangen.

Allerdings gibt es auch sehr gute Argumente gegen eine Impfpflicht, die jedoch scheinbar kein Gehör gefunden haben.

Bereits 2019 war in der Zeitschrift für Allgemeinmedizin eine ganz hervorragende Übersichtsarbeit zu Masern und ein Vergleich zwischen den Ländern, die eine entsprechende Impfpflicht haben und Deutschland, dargestellt. In den Ländern, die eine Impfpflicht haben, gab es keineswegs weniger Maserninfektionen als in Deutschland.
Ebenfalls 2019 hat sich das arznei-telegramm mit genau diesem Thema beschäftigt.
Der Deutsche Ethikrat hat damals “(…) aufgrund der höhen Impfquoten in diesen Altersgruppen (…)” eine Impfpflicht aus guten Grund nicht befürwortet.

Leider enthält der Bericht bei web.de auch ganz klar falsche Aussagen. Dort heisst es:
Es gehe darum, die vielen Menschen vor dem hochansteckenden Virus zu schützen, die selbst nicht geimpft werden können. Das sind vor allem Säuglinge, Schwangere und Kranke mit Immunschwäche. Experten gehen davon aus, dass sie durch die Immunität der Anderen mitgeschützt werden, wenn flächendeckend mindestens 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sind. Das ist noch nicht erreicht.”
Erstens, wir haben bereits eine Impfquote von 95% wie in dem Artikel der Zeitschrift für Allgemeinmedizin nachzulesen ist.
Zweitens: Säuglinge, Schwangere und Kranke mit einer Immunschwäche machen keine 5% der Bevölkerung aus. Somit ist selbst bei einer 95% Impfquote für genau diese Gruppen noch immer kein 100% sicherer Schutz gegeben. Denn sie könnten theoretisch noch immer auf jemanden treffen, der nicht geimpft ist und sich dann entsprechend infizieren, mit dem möglicherweise katastrophalen Folgen der Impfung.

Bisher hier her ist es für mich noch nicht eindeutig, ob ich also für oder gegen eine Impfpflicht sein sollte. 

“Die Entscheidung des Gesetzgebers, dass der Schutz besonders gefährdeter Menschen vorgeht, ist in ihren Augen gerechtfertigt (Anm.: der Richter). (…) Gleichzeitig sei ein echter Impfschaden “extrem unwahrscheinlich”.” Und genau jetzt wird die Entscheidung für oder gegen eine Impfpflicht für mich ganz einfach.

Es ist, dass stimmt, extrem unwahrscheinlich, einen echten und möglicherweise auch schweren Impfschaden durch die Impfung davon zu tragen. Dennoch, die Wahrscheinlich besteht und ist nicht ausgeschlossen. Sie ist eben nur extrem unwahrscheinlich.
Also entscheidet die Gesellschaft, dass ein Leben, nämlich das der aufgeführten Gruppe, mehr Wert ist als das eines anderen Lebens, welches möglicherweise schwer geschädigt werden kann durch die Impfung? Wie verhält es sich dann bei Eltern, die unter dem aktuellen Druck kommen und ihr Kind impfen lassen wollen? Ist das dann überhaupt noch eine freie Entscheidung für die Impfung? Können die überhaupt die Einverständniserklärung wirksam unterschreiben und ich ihnen das glauben? Und was sage ich denn den Eltern? Es tut mir leid, die Gesellschaft hat entschieden, dass bei Ihrem Kind ein möglicher, eventuell auch schwerer und fataler Impfschaden in Kauf zu nehmen ist, um ein Kind, eine Schwangere, eine immungeschwächte Person, die sie persönlich überhaupt nicht kennen und die noch dazu in Straubing lebt, zu schützen?

Darf eine Gesellschaft solche Entscheidungen treffen, wer zu schützen ist und wer dafür bereit sein muß, ein möglicherweise auch tödliches Risiko einzugehen?

Ich denke, nein, dass darf eine Gesellschaft niemals tun! So sehr ich die Masernimpfung befürworte, so gut ich sie finde, so gut sie erforscht ist, ein Restrisiko bleibt immer! Zu beurteilen, ob ein Kind diesem Restrisiko auszusetzen ist, obliegt einzig und alleine den Eltern und nicht der Gesellschaft, die dadurch eine Abwägung vornehmen würde, wessen Leben schützenswerte ist und wessen Leben man möglicherweise gefährden kann. Daher bin ich konsequent gegen eine Impfpflicht und natürlich auch gegen eine Masernimpflicht. Es muß immer unsere Aufgabe als Ärzte sein, mit Eltern im Gespräch zu bleiben, aufzuklären und mit schlüssigen Argumenten darzulegen, weshalb eine Impfung gegen Masern, unter Inkaufnahme der extrem seltenen Risiken, vor einer deutlich höheren Gefahr durch Masern, sinnvoll, notwendig und wichtig erscheint.