In der aktuellen Ausgabe DER ARZNEIMITTELBRIEF ist ein Artikel zu einem wichtigen und bisher überraschenderweise wenig untersuchten Thema veröffentlicht worden. Wie in dem Artikel bereits eingangs erwähnt wird, ist es “(…) angesichts der unüberschaubar vielen medizinischen Publikationen immer wieder erstaunlich, dass einfache, aber wichtige Fragen wenig bearbeitet werden und teilweise unbeantwortet bleiben.” In dem Artikel “Welche Trinkmenge ist bei niereninsuffizienten Patienten optimal im Hinblick auf das Fortschreiten der Insuffizienz?” wird genau dieses einmal näher unter die Lupe genommen. Wenn Sie unter einer Niereninsuffizienz (Nierenfunktionsschwäche) leiden, dann haben Sie auch von mir möglicherweise schon gehört, dass Sie viel trinken sollten, damit die Niere etwas zu tun hat und die Funktionsverschlechterung sich verlangsamt oder möglicherweise sogar aufzuhalten ist. Auch Nephrologen raten in der Regel zu einer regelmäßig und “hohen” Flüssigkeitsaufnahme über den Tag verteilt, damit die Nieren “gespült” werden. Die Überlegung, die daher steckt, ist eine rein physikalische. Die Niere wird bei diesen Überlegungen mit einem Filter gleichgesetzt, der gut funktioniert, wenn er ständig gespült wird und er dadurch nicht eintrocknet, was zu einem Funktionsverlust führen würde.

Nun ist aber die Niere bei Leibe kein einfacher physikalischer Filter. Vielmehr gibt es aktive Transportmechanismen, sogenannte Carrier, in der Niere und sie arbeitet u.a. auf Grund unterschiedlicher onkotischer Drücke. Insgesamt ist sie ein äußerst komplexes Organ, dass mit einem einfachen physikalischen Filter nichts vergleichbares hat, weshalb die Annahme, wenn man die Niere nur gut spült, auf diese Art und Weise auch die beginnende Funktionseinschränkung aufzuhalten wäre, falsch.

Die European Food Safety Authority empfiehlt in ihren Leitlinien zu einer gesunden Ernährung für erwachsene, nierengesunde Männer eine tägliche Trinkmenge von 2,5 ltr. und für Frauen 2,0 ltr.. Entsprechend der Umgebungstemperatur und der körperlichen Betätigung kann diese jedoch abweichen.
Wie viel aber sollten Menschen trinken, die eine Niereninsuffizienz haben? Hier variieren die Angaben zwischen 1,5 und 2,2 ltr. für Frauen bzw 3,0 ltr. für Männer.

Studien in der gesunden Allgemeinbevölkerung zeigten, dass bei Menschen mit einer höheren Wasseraufnahme die physiologische Niereninsuffizienz im Laufe des zunehmenden Alters deutlich weniger häufig auftrat und die Filtrationsleistung der Niere weniger stark abnahm. Das hat zu der oben aufgeführten falschen Vorstellung geführt, es sei gut, die Niere zu spülen. 

Der beschriebene Artikel aus DER ARZNEIMITTELBRIEF führt nun eine Studie auf, in der Patientin mit mittelgradig eingeschränkter Nierenfunktion (Stadium 3) angehalten wurden, zusätzlich zu ihrem normalen, täglichen Trinkverhalten, 1 – 1,5 ltr. zusätzliche Flüssigkeit aufzunehmen. Ein Jahr später ergab sich in dieser Gruppe kein Vorteil hinsichtlich der Niereninsuffizienz, im Vergleich zu der Gruppe, die bei ihrer gewohnten Trinkmenge geblieben ist.

Eine größere Untersuchung mit 1.265 Teilnehmern hat gezeigt, dass es, bezogen auf das Fortschreiten einer Niereninsuffizienz, nicht besonders gut ist, wenn die tägliche Trinkmenge unter 1,0  oder über 1,5 ltr. liegt. Hier ergibt sich eine U-förmige Beziehung zur Niereninsuffizienz, d. h. beträgt die tägliche Trinkmenge weniger als 1,0 oder mehr als 1,5 ltr., so schreitet die Niereninsuffizienz signifikant schneller voran, als wenn man bei einer moderaten Trinkmenge zwischen 1,0 und 1,5 ltr. täglich bleibt, selbst wenn man bereits eine deutliche Einschränkung der Nierenfunktion (Niereninsuffizienz Stadium 3) hat. 

Es erscheint also prognostisch hinsichtlich des Fortschreitens einer Niereninsuffizienz günstiger zu sein, wenn die Niere nicht zu stark gefordert wird, den Urin konzentrieren oder verdünnen zu müssen.
Dieses wird sicherlich auch die Kardiologen freuen, denn oftmals liegt bei niereninsuffizienten Patienten zusätzlich eine Herzinsuffizienz vor. Die Kardiologen empfehlen hier stets, nicht zu viel zu trinken, um das geschwächte Herz nicht noch zusätzlich durch eine Volumenüberladung zu schwächen, was bisher immer im Gegensatz zu der Empfehlung der Nephrologen stand. Kardiologen raten bei Herzinsuffizienz in der Regel maximal 1,2 – 1,5 ltr. Flüssigkeit pro Tag aufzunehmen. Dieses steht nunmehr in völligem Einklang mit dem, was Nephrologen bei Niereninsuffizienz empfehlen sollten.