Sehr viel wird über Vitamin D, vor allem in der Laienpresse geschrieben, und man bekommt den Eindruck, jeder wisse inzwischen, wofür Vitamin D notwendig ist, wie es dem Körper zugeführt werden kann und das man es, vor allem in unseren Breitengraden, auch tun muß.

Aber stimmt das überhaupt?

Fast täglich sehe ich inzwischen Artikel zum Vitamin D. Aktuell bin ich bei web.de wieder über einen Artikel gestolpert (Vitamin D: Darum ist das Sonnenvitamin so wichtig), in dem sehr viel dem Vitamin D zugeschrieben wird.

Der Artikel suggeriert folgendes hinsichtlich des Vitamin Ds:

  • für viele Funktionen im Körper verantwortlich ist
  • viele Menschen erhalten die Diagnose Vitamin-D-Mangel
  • können Nahrungsergänzungsmittel helfen
  • Überdosierung an Vitamin D kann negative Folgen für die Gesundheit haben
  • Vitamin D ist gut für die Knochen
  • Beteiligung am Knochenstoffwechsel zählt zu den wichtigsten Aufgaben des fettlöslichen Vitamins
  • fördert Vitamin D die Aufnahme von Calcium und Phosphat aus der Nahrung
  • liefert die Nährstoffe zu den Knochen
  • sorgt außerdem für feste Zähne und stärkt auch die Muskeln
  • Aufbau von Proteinen
  • Steuerung von Genen
  • Vitamin D fördert auch die Immunabwehr
  • stärkt das Herz-Kreislaufsystem sowie die Nervenzellen im Gehirn
  • kann im Kampf gegen Atemwegsinfektionen helfen und schützen
  • Vitamin D regelt auch das Immunsystem
  • zwischen Vitamin D und Atemwegs- und Autoimmunerkrankungen sowie psychischen und das Nervensystem betreffenden Krankheiten Zusammenhänge bestehen
  • zwischen Bluthochdruck, Diabetes mellitus Typ 2 sowie kardiovaskulären und Krebskrankheiten ein Zusammenhang zum Vitamin-D-Gehalt im Blut der Betroffenen gezogen
  • Vitamin-D-Mangel steht schon länger im Verdacht, an vielen Erkrankungen beteiligt zu sein
  • Über die Nahrung können nur zwei bis vier Mikrogramm an Vitamin D aufgenommen werden
  • bei älteren Menschen auch zu Osteoporose
  • Vitamin-D-Mangel bei Säuglingen und Kindern hingegen kann zu Rachitis führen
  • zu hohe Dosierung von Vitamin D hat keine präventiven Vorteile und kann sogar eine toxische Wirkung haben
  • Vitamin-D-Mangel zeigt sich etwa durch eine erhöhte Anfälligkeit für Infekte wie Erkältungen oder Grippe

Die Aussagen zum Vitamin D, stellvertretend aus dem aufgeführten Beitrag auf web.de, habe ich farblich markiert. Hierbei gilt:

grün = diese Aussage ist richtig
rot = diese Aussage ist falsch bzw. nicht bewiesen
lila = für diese Aussage gibt es keine hinreichenden Belege und Beweise. Möglicherweise könnte es so sein, sicher ist es keinesfalls.
schwarz = diese Aussage ist grundsätzlich nicht falsch, es kommt aber auf die weiteren Erklärungen hierzu an. So wie die Aussage dasteht, ist sie möglicherweise falsch.

Viele Aussagen, von denen möglicherweise geglaubt wird sie seien richtig, weil sie sooft schon zu lesen waren, sind nicht richtig. Nur sehr wenige Aussagen aus den unterschiedlichen Artikeln sind tatsächlich richtig, wie die wenigen grünen Aussagen aus dem aufgeführten Artikel zeigen.

Am häufigsten hört man von Laien, Vitamin D würde am Knochenstoffwechsel beteiligt sein und würde zu stabilen Knochen führen. Hierdurch würde das Osteoporoserisiko sinken. Deshalb möchte ich auf dieses Argument etwas näher eingehen.
Eins vorweg. Nur weil man immer wieder liest, dass Vitamin D am Knochenstoffwechsel beteiligt ist, wird es deshalb nicht richtig. Vitamin D ist NICHT(!) direkt am Knochenstoffwechsel beteiligt. Für den Knochenstoffwechsel spielen andere Hormone, beispielsweise die alkalische Phosphatase (AP), eine wesentliche Rolle. Die Aufgabe des Vitamin Ds besteht vorwiegend darin, in Zusammenarbeit mit Parathormon ein Calciumgleichgewicht im Blut aufrechtzuerhalten. Aber nur weil es zu einem stabilen Calciumspiegel im Blut führt, ist es keineswegs am Knochenstoffwechsel beteiligt.
Bereits im Jahr 2019 haben die Autoren Aspray Terry J. et al. in ihrer Arbeit “Randomized controlled trial of vitamin D supplementation in older people to optimize bone health” herausgearbeitet, dass bei über 70-Jährigen ohne Osteoporosediagnose unterschiedlich hohe Vitamin D Gaben auf die Knochendichte keinen wesentlichen Einfluß ausübt. Allerdings gab es 2017 eine Publikation, die als Beobachtungsstudie einen Zusammenhang zwischen niedrigem Vitamin-D-Spiegel und einem vermehrten Risiko für Stürze und osteoporotische Frakturen vermuten ließ “Effect of monthly high-dose vitamin D supplementation on falls and non-vertebral fractures: secondary and post-hoc outcomes from the randomised, double-blind, placebo-controlled ViDA trial“. Jedoch zeigte sich bereits hier in der Auswertung der Ergebnisse, dass Unterschiede zwischen Behandlungs- und Placebogruppe hinsichtlich der Sturz- und Frakturrate nicht vorlagen.

Die Zusammenfassung mehrerer Erkenntnisse zum Vitamin D in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift 2020 unter der Überschrift: “Vitamin D – Ein kritischer Blick auf die Studienlage” fasst dann auch folgendes zusammen:

  • Einigkeit in der Medizin herrscht allenfalls darüber, dass Vitamin D Werte unter 12ng/ml einen behandlungsbedürftigen Mangel darstellen
  • bei Werten über 20ng/ml besteht in der Regel eine ausreichend Vitamin D Versorgung
  • aktuelle Metaanalysen bestätigen NICHT(!), dass Vitamin D bei bisher knochengesunden Erwachsenen (>50 Jahre) die Knochenbruchhäufigkeit senken würde
  • die Gabe von Vitamin D führt bei über 50 jährigen Erwachsenen NICHT(!) zu einem geringeren Risiko von kardiovaskulären (d.h. Herzkreislauf bedingten) Erkrankungen
  • bei Patienten mit einem hohen Risiko für die Ausbildung eines Diabetes führt die Gabe von Vitamin D NICHT(!) zu einer Reduktion der Diabetesinzidenz.

Schon 2019 hat das Magazin Gute Pillen – Schlechte Pillen unter der Überschrift “Die Schattenseiten des Vitamin D-Papstes – Über die Erfindung eines Gesundheitsproblems” wiederholt darauf hingewiesen, dass es deutlich mehr Mythen als gesichertes Wissen zum Vitamin D gibt. Interessant in diesem Zusammenhang und in diesem Artikel beschrieben, ist auch die Tatsache, dass derjenige, der an den Vitamin D Tests in den USA mit verdient, derjenige ist, der falsch hohe Vitamin D Werte als erstrebenswert propagiert. 

Insgesamt scheint es also mal wieder so, dass monetäre Interessen über tatsächliche Gesundheitsinteressen gestellt werden, was aber in der Medizin als absolut moralisch verwerflich anzusehen ist.