… und nicht einfach nur sinnlos Angst verbreiten würde, was aber seit zwei Jahren ja nur noch gemacht wird.

Folgende Meldung habe ich bei web.de gelesen: “Gefährliche Stiche: So schützen Sie sich vor Zecken.” Eins gleich vorneweg: Ja, Zecken können auch FSME (Frühsommer Meningoenzephalitis – eine Form der Hirnhautentzündung) übertragen und ja, man kann daran auch sterben.
Ja, man kann auch beim überqueren der Strasse an einer grünen Fußgängerampel sterben. Überqueren Sie deshalb die Strasse an der grünen Fußgängerampel nicht mehr? Nein, Sie wägen das Risiko ab. Wie wahrscheinlich ist es bei der Überquerung der Strasse an einer x-beliebigen Stelle zu sterben und wie wahrscheinlich ist es, bei einer Überquerung der Strasse an einer grünen Fußgängerampel zu sterben. Sie entscheiden sich also für die grüne Fußgängerampel, weil Sie die Risiken gegeneinander abwägen, weil sie vermeintliche Fakten hierfür vorliegen haben.

Deshalb ist es auch bei der durch Zecken übertragenen FSME wichtig, Fakten zu kennen, die Sie entscheiden lassen, wie gefährlich ist es für mich individuell und im Anschluß daran, lasse ich mich dann impfen oder nicht? Denn nur weil etwas gefährlich ist, heißt es dann automatisch, dass man sich davor schützen muß, wenn der Schutz in einer Impfung besteht? Was, wenn diese wahrscheinlich mehr Nebenwirkungen verursacht als die Erkrankung auslöst?

Daher möchte ich Ihnen ein paar Informationen zur FSME, übertragen durch Zecken geben, auch weil das Thema, vermutlich aufgrund solcher Panikberichte, in meiner Praxis immer mehr nachgefragt wird.

Als erstes einmal einen generellen Überblick, so überhaupt mit einer vermehrten FSME Übertragung durch Zecken zu rechnen ist.


Quelle: RKI – Karte der FSME-Risikogebiete

 

Wohnen Sie in Berlin, haben Sie also erst einmal überhaupt kein Risiko für eine FSME Erkrankung. Dieses verschweigen Ihnen die Laienjungjournalisten von web.de. Wer also in Berlin wohnt und sich überwiegend dort aufhält und in den davon nördlich gelegenen Landesteilen, benötigt überhaupt keine FSME Impfung, denn hier besteht überhaupt kein Übertragungsrisiko.

Die nächste Überlegung könnte sein, dass man sich impfen lassen möchte, wenn die FSME Fälle dramatisch zunehmen, denn man muß ja nicht darauf warten, dass Berlin und das nördliche Deutschland auch zum Risikogebiet wird. Hier genügt ein Blick in das Epidemiologische Bulletin 9/2022 des RKI und man sieht, dass die FSME Fälle dramatisch rückläufig sind in Deutschland, konkret sich fast halbiert haben. Heisst es dort doch: “Im Jahr 2021 wurden insgesamt 390 FSME-Erkrankungen übermittelt (Stand: 21.01.2022). Dies entsprach einer Abnahme von 45% gegenüber dem Rekordwert im Vorjahr (712 FSME-Erkrankungen).” 390 FSME Fälle in 2021!!!

Wie gefährlich ist eine FSME könnte weiterhin ein Entscheidungskriterium für eine Impfung sein. Wenn diese Erkrankung bei vielen Fällen, z.B. >20% der Fälle, zu einem tödlichen Verlauf führt, wäre eine Impfung wiederum zu überlegen. Auch hierzu gibt das Epidemiologische Bulletin 9/2022 des RKI Auskunft. Heisst es dort weiter: “Drei Personen verstarben an ihrer FSME-Erkrankung, zwei davon im Alter von über 80 Jahren und eine Person mit Vorerkrankungen in der Altersgruppe 20 – 25 Jahre.” Drei Personen von 390 Fällen sind 1% derjenigen, die an der Erkrankung verstarben. Von diesen 1% waren wiederum 2, also ⅔ = 66%, in einem Alter, in dem man erwarten konnte, dass sie versterben und möglicherweise mit aber gar nicht an FSME verstorben sind. 

Wo infizieren sich die Menschen überhaupt mit FSME. Sind alle Fälle in Deutschland ausgelöst oder nur in Deutschland diagnostiziert worden? Auch hierzu erhalten wir Informationen aus dem Epidemiologischen Bulletin 9/2022 des RKI. “Von den im Jahr 2021 übermittelten Fällen wurde bei 338 Fällen nur Deutschland als mögliches Infektionsland genannt.” Somit sind von den 390 FSME Erkrankungen, ausgelöst durch Zecken im Jahr 2021, überhaupt nur 338 Fälle (=87%) MÖGLICHERWEISE in Deutschland entstanden, was aber überhaupt nicht sicher ist. Der Rest hat sich hingegen sicher im Ausland infiziert und die Erkrankung wurde nur erst in Deutschland diagnostiziert. 

Wodurch infizieren sich die Menschen überhaupt mit dem FSME-Erreger? Sehr aufschlußreich ist auch hier das Epidemiologische Bulletin 9/2022 des RKI, in dem es heisst: “Davon gaben 211 Fälle (61 %) einen Zeckenstich an (…)”. Der gesamte Rest hat sich wodurch auch immer mit FSME infiziert. 

Wie häufig ist die Infektion in Berlin und Brandenburg, das ja, entsprechend der obigen Grafik, seit neuestem als Risikogebiet ausgezeichnet ist, überhaupt?
Für Berlin sehen die Zahlen wie folgt aus:


Quelle: Epidemiologische Bulletin 9/2022 – RKI

 

Für Brandenburg sehen die Zahlen wie folgt aus:


Quelle: Epidemiologisches Bulletin 9/2022 – RKI

 

Das heißt also, in Berlin infizieren sich innerhalb von neun Jahren (2013 – 2022) vier Menschen mit FSME, pro Jahr also 0,4 Menschen. Bezogen auf 3,7 Mio. Einwohner ist die Wahrscheinlichkeit sich in Berlin mit FSME zu infizieren genau bei 0,00001% und in Brandenburg, bezogen auf 2,5 Mio. Einwohnern bei 0,00005%. An dieser Stelle mögen Sie den Risikobegriff für sich selbst definieren.

Bereits jetzt könnte man zu dem Schluß kommen, eine FSME Impfung ist, zumindest in Berlin und Brandenburg keinesfalls indiziert. Allerdings könnte dieses anders aussehen, wenn die FSME Impfung, so wie eine andere Impfung auch, nebenwirkungsfrei ist.


Quelle: Twitter Account Karl Lauterbach

 

Leider ist aber die FSME-Impfung nicht so nebenwirkungsfrei wie scheinbar einige andere Impfungen. Alleine 2015 sind in zeitlichem Zusammenhang mit einer FSME-Impfung zwei Todesfälle und und fünf Meldungen über Verdachtsfälle mit bleibendem Schaden nach einer Impfung beim PEI registriert worden. Und das betrifft nur ein einziges Jahr!
Wie sieht es jetzt mit dem Nutzen-Risikoverhältnis aus? Wenn man die sieben dramatischen Impfnebenwirkungen (zwei Todesfälle + fünf bleibende Schäden) ins Verhältnis zu der Möglichkeit setzt, sich zu infizieren, dann müssten 2015 in Berlin
70 Mio. FSME Impfungen und in Brandenburg im selben Jahr 14 Mio. FSME Impfungen durchgeführt worden sein. Dann wären die Impfnebenwirkungen genauso häufig wie die FSME-Erkrankungen, ausgelöst durch Zeckenbisse, in Prozent ausgedrückt. Ich kann Ihnen eins GANZ SICHER sagen. 2015 wurden noch nicht einmal in ganz Deutschland auch nur annähernd 1 Mio. FSME Impfungen appliziert. Das sieht wirklich schlecht für das Nutzen-Riskoverhältnis der FSME Impfung aus.

Zusammenfassend kann man also sagen, eine FSME Impfung ist für die breite Bevölkerung grundsätzlich nicht zu empfehlen. Dieses betrifft nicht nur Berlin und Brandenburg. In den anderen Bundesländern sieht es ähnlich schlecht für die Impfung und das Nutzen-Risiko-Verhältnis aus.
Dennoch werde natürlich auch ich immer wieder gefragt, wem ich eine Impfung möglicherweise dennoch empfehlen würde. Diese würde ich Menschen empfehlen, die in den Sommermonaten fast ausschließlich im Wald oder auf Wiesen/Äckern unterwegs sind, dort auch sehr häufig übernachten (z.B Camping machen) und niemanden haben, der die ihnen nicht zugänglichen Körperstellen auf Zecken absuchen kann.
Allen andern empfehle ich keine Impfung, führe sie aber natürlich nach entsprechender Aufklärung über das Nutzen-Risiko-Verhältnis dennoch durch, wenn jemand explizit darauf besteht.