Wenn Sie nach “Wir müssen die Alten schützen” googeln, finden Sie insgesamt 68.500.000 Einträge (Stand 08.02.2021).

Mir persönlich stellt sich die Frage: “Müssen wir die Alten schützen?”.
Ich finde, nein, dass müssen wir nicht.

Auf meiner Homepage unter Leitbild finden Sie auf dem Bild mit dem Klemmbrett ein Zitat aus der Bibel eingeblendet: “Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch Ihnen!”. In etwa entspricht das dem kategorischen Imperativ von Kant: “„Handle nur nach derjenigen Maxime, von der du wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde!”.

Wenn man diese beiden Sätze für sich verinnerlicht hat, dann kann man nur zu der Überzeugung kommen, dass wir die Alten nicht schützen müssen. Wir sollten diejenigen schützen, die geschützt werden möchten! Das muß oberstes Ziel sein. Jedoch unterscheidet sich das sollen in diesem Fall ganz eklatant von dem müssen. Wenn wir die schützen würden, die geschützt werden möchten, dann wären wir niemals in diese Situation gekommen, in der wir jetzt sind, mit den massiven Grundrechtseinschränkungen.

Haben Sie jemals jemanden gehört, der in einer Diskussion nach dem “wer” möchte geschützt werden, gefragt hat? Dieses sind, dass kann ich Ihnen aus meiner eigenen Praxis sagen, nicht per se die Alten. Ich habe einige ältere Patienten in meiner Praxis, die mir klipp und klar sagen, ich brauche das alles gar nicht. Ich möchte viel lieber normal in die Oper gehen, in Urlaub fahren, meine Enkelkinder sehen, denn wer weiß schon, wie lange ich noch lebe? Was ist das Leben, dass ich jetzt habe, in dem ich nichts mehr machen kann, im Vergleich zu der eventuellen Verlängerung durch eine nicht erfolgte Infektion mit anschliessender Erkrankung, von der mir noch nicht einmal jemand sagen kann, ob ich sie erstens überhaupt bekomme und zweitens daran überhaupt versterben werde. Dem gibt es in meinen Augen überhaupt nichts mehr hinzuzufügen.
Weiterhin habe ich einige jüngere Patienten, die haben so eine Angst vor einer Infektion, dass sie mich immer nach dem aktuellen Stand einer Impfung fragen und immer mit FFP-2 Maske in die Praxis kommen. Warum also sollten diese jüngeren Menschen nicht geschützt werden, wenn sie es den gerne wollen? Das betrifft auch das Thema Impfung. Wieso werden Ältere zuerst geimpft und die, die darüber hinaus geimpft werden wollen, haben derzeit keine Chance hierzu?

Wieso entmündigen wir ältere Menschen so derartig, dass wir ihnen den uns vorstellenden Schutz aufzwingen? Wieso fragen wir nicht höflich, wer möchte geschützt werden und das, bevor wir ihnen Angst gemacht haben, so wie im übrigen dem Rest der Bevölkerung auch, denn natürlich würden inzwischen vermutlich fast alle älteren Patienten einen Schutz wünschen. Wir haben Ihnen inzwischen 1 Jahr lang erzählt, dass Virus wird dich umbringen, Du wirst kein freies Bett im Krankenhaus bekommen, überhaupt steht die Versorgung auf der Kippe, da die Gesundheitssystemstrukturen überlastet werden.
Wo kommt diese unsägliche Punktarroganz her, dass wir jemanden gegen eine Infektionskrankheit schützen müssen

Ich gebe zu, ich trinke gerne mal einen guten Rotwein, vor allem am Wochenende. Ich bin glücklicherweise nicht alkoholabhängig aber jeder Tropfen Alkohol ist gesundheitsgefährdend, dessen bin ich mir bewußt. Jährlich sterben geschätzt 74.000 Menschen durch den Alkoholkonsum. Und auch durch meinen gelegentlichen Rotweingenuß verwirke ich mir am Lebensende möglicherweise das eine oder andere Lebensjahr zumindest aber den einen oder anderen Lebensmonat. Dennoch erwarte ich von der Gesellschaft, dass sie es akzeptiert, wenn ich lieber mal ein Glas Rotwein trinke als möglicherweise ein paar Monate länger zu leben. 

Der eine oder andere Patient in meiner Praxis raucht. Jeder weiß, dass dieses gesundheitsschädlich sein kann. Jedes Jahr sterben geschätzt 121.000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Ich sage den Patienten immer, dass sie das Rauchen besser aufgeben sollten, da es gesundheitsschädlich ist. NIEMALS jedoch käme ich auf die Idee, hier dieselbe Punktarroganz wie bei einer Infektionserkrankung an den Tag zu legen und ein Verkaufsverbot von Zigaretten zu fordern oder es den Patienten zu verbieten, ebenso wie ich NIEMALS ein Verkaufsverbot von Alkohol fordern würde. Ich möchte gerne selbst entscheiden, wieviel ich trinke, ich möchte gerne selbst entscheiden, wenn ich mit dem Rauchen anfange, dass ich damit anfange. Und vor allem möchte ich nicht, dass mich jemand davor schützt, insbesondere nicht durch ein Verkaufsverbot von Alkohol.
Mit welchem Recht müssen wir die Alten schützen? Wir haben kein Recht dazu. Hingegen haben wir aber die Pflicht, diejenigen zu schützen, die es möchten und uns darum bitten, so wie wir auch die Pflicht haben, denjenigen zu helfen, die durch Alkohol oder Zigaretten z.B. im Rahmen eines Herzinfarktes oder eines Abhängigkeitssmptoms krank geworden sind.

Jeder darf Zucker konsumieren, sich überwiegend von Fast Food und Chips ernähren mit der Folge des, teilweise, massiven Übergewichts. Dennoch ist bisher glücklicherweise niemand auf die Idee gekommen, die Dicken zu schützen, die Alkoholabhängigen zu schützen oder die Nikotinabhängigen zu schützen.
Jeder hat ein Recht auf ein selbstbestimmtes Leben und das bis zum Schluß, wie inzwischen auch höchstrichterlich entschieden wurde.

Jetzt verstehen Sie, wieso ich den grundsätzlichen Schutz der Alten, noch dazu ungefragt, vehement ablehne.